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Lovescamming: Verliebt, getäuscht, betrogen

Charmante Nachrichten, große Gefühle – und plötzlich eine Geldforderung. Beim sogenannten Love-Scamming bauen Betrüger:innen gezielt Vertrauen auf, um ihre Opfer emotional und finanziell auszunehmen.

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Ein sympathisches Profil, charmante Nachrichten und das Gefühl, endlich jemanden gefunden zu haben, der wirklich zuhört: Für viele beginnt Love-Scamming genau so. Über Wochen oder sogar Monate bauen Täter:innen gezielt Vertrauen auf, teilen scheinbar persönliche Geschichten und vermitteln ihrem Gegenüber Nähe und Verbundenheit.

Was wie der Beginn einer neuen Beziehung wirkt, nimmt jedoch oft eine andere Wendung – nämlich dann, wenn plötzlich eine dramatische Geschichte erzählt und um finanzielle Hilfe gebeten wird. Hinter diesen vorgegaukelten Liebesgeschichten stecken häufig organisierte Betrugsnetzwerke, die emotional äußerst geschickt vorgehen. Warum Love-Scamming jede:n treffen kann, welche Warnsignale es gibt und was Betroffene konkret tun können, erklärt Helmuth Lichtmannegger von der Arbeiterkammer Tirol im Interview.

Love-Scamming ist leider längst kein Einzelfall mehr. Wie häufig begegnet Ihnen dieses Thema in der Beratungspraxis der AK Tirol?

Helmuth Lichtmannegger: Love-Scamming – auch „Romance Scamming“ genannt – ist Teil organisierter, oft internationaler Kriminalität. Viele Betroffene schämen sich sehr, wenn sie erkennen, dass sie auf eine Betrugsmasche hereingefallen sind. Deshalb kostet es oft große Überwindung, sich überhaupt Hilfe zu suchen, und es ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. In der Beratung begegnet uns das Thema immer wieder, meist eher telefonisch als persönlich. Zwar scheinen Menschen ab etwa 40 Jahren etwas häufiger betroffen zu sein, grundsätzlich kann es aber jede Person treffen – unabhängig von Alter, Bildung oder Beruf. Täter passen ihre Vorgehensweise sehr gezielt an ihr Gegenüber an, was diese Form des Betrugs besonders gefährlich macht.

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Wenn wir uns ein konkretes Szenario vorstellen: Eine alleinstehende Person lernt online jemanden kennen. Der Kontakt ist intensiv und liebevoll. Nach einigen Wochen berichtet die neue „Liebe“ von einem finanziellen Notfall und bittet um Geld. Welche Warnsignale sollten Betroffene in so einer Situation ernst nehmen?

Verdächtig ist es immer, wenn eine Person, die man noch nie persönlich getroffen oder mit der man noch nicht einmal gesprochen hat, plötzlich sehr intensiven Kontakt sucht oder rasch Liebesbekundungen macht. Das entspricht meist nicht der normalen Lebenserfahrung. Skepsis ist auch angebracht, wenn die Geschichte besonders beeindruckend wirkt: Etwa bei angeblichen UNO-Soldat:innen, Bohrinselarbeiter:innen, Ärzt:innen im Ausland oder Models.

Selbst wenn sich solche Personen über eine Google-Suche scheinbar leicht finden lassen, kann das Teil der Inszenierung sein. Wichtig ist daher die Frage: Warum sollte mir eine völlig fremde Person plötzlich ihre Liebe erklären? Wenn Zweifel auftauchen, reagieren Täter:innen oft mit weiteren Geschichten, um Vertrauen aufzubauen – etwa mit der Behauptung, man habe sich früher schon mal irgendwo gesehen oder getroffen. So soll Skepsis Schritt für Schritt abgebaut werden.

Bleiben wir bei diesem Beispiel: Die betroffene Person hat bereits Geld überwiesen – vielleicht mehrfach – und plötzlich bricht der Kontakt ab. Was sind jetzt die ersten Schritte?

Betroffene sollten möglichst schnell ihre Bank kontaktieren, um zu prüfen, ob eine Überweisung doch noch gestoppt oder rückgängig gemacht werden kann. Auch eine Anzeige bei der Polizei ist sinnvoll. Bis eine Person, die über Monate an eine Liebesgeschichte geglaubt hat, zur schmerzlichen Erkenntnis kommt, dass alles nur Betrug war und Anzeige bei der Polizei erstattet werden sollte, ist es oft ein langer Weg.

Tastatur und Maus, Kabel in Herzform
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Häufig werden zunächst noch Gründe gesucht, warum der:die vermeintliche Partner:in plötzlich nicht mehr antwortet. Leider sind die überwiesenen Gelder in vielen Fällen bereits verloren. Wichtig ist daher vor allem, zu erkennen, dass hinter der romantischen Geschichte kriminelle Banden stehen – und dass auf keinen Fall weiteres Geld überwiesen werden darf.

Viele Betroffene schämen sich sehr, dass sie auf die Manipulation hereingefallen sind. Warum ist Love-Scamming emotional so wirksam?

Niemand braucht sich dafür zu schämen. Der Wunsch nach Liebe, Zuneigung, Vertrauen und romantischen Gefühlen ist etwas zutiefst Menschliches – genau damit spielen die Täter:innen. Sie wissen, dass starke Emotionen Menschen zu Entscheidungen verleiten können, die über das rein rationale Denken hinausgehen. Die Täter:innen haben ihr Vorgehen oft zur Profession gemacht und entwickeln mit der Zeit ein feines Gespür dafür, welche Geschichte bei welcher Person funktioniert. Sie reagieren schnell auf Zweifel, passen ihre Strategie an und versuchen Skepsis etwa mit Humor oder Komplimenten zu überspielen. So entsteht ein gefährlicher Manipulationsmix, der viele Menschen emotional stark beeinflussen kann.

Welche Strategien wenden Täter:innen an, um Vertrauen aufzubauen und gleichzeitig Druck zu erzeugen?

Die Vorgehensweisen sind nicht immer gleich, folgen aber oft einem ähnlichen Muster. Am Anfang steht meist eine Kontaktaufnahme, etwa über ein gefälschtes Profil in einer Dating-App oder auch über E-Mail. Danach wird die Kommunikation relativ schnell intensiver. Täter:innen geben sich charmant, aufmerksam und scheinbar sehr offen – sie haben immer Zeit, hören zu und melden sich regelmäßig, etwa mit „Guten Morgen“- oder „Gute Nacht“-Nachrichten.

Die Forderung nach Geld kommt meist erst später, manchmal sogar erst nach Monaten, und wird mit dramatischen Geschichten begründet – etwa einem Unfall, Problemen auf Reisen oder Schwierigkeiten mit Behörden. Dabei wird oft emotionaler Druck aufgebaut, etwa mit dem Hinweis, dass die Beziehung sonst in Gefahr sei. Dazwischen wird gezielt auf Wünsche und Sehnsüchte des Opfers eingegangen: Ein persönliches Treffen wird in Aussicht gestellt oder romantische Zukunftsbilder werden entworfen. Alles, was Emotionen verstärkt und rationales Denken schwächt, wird dabei eingesetzt.


Niemand braucht sich zu schämen. Der Wunsch nach Liebe und Zuneigung gehört zum menschlichen Leben.

Beobachten Sie aktuell neue Entwicklungen oder Trends, etwa durch KI, Social Media oder Dating-Apps, die Love-Scamming noch schwerer erkennbar machen?

Zu beobachten ist, dass Love- oder Romance-Scamming immer öfter mit anderen Betrugsformen kombiniert wird. Ein Beispiel ist die angebliche Börsenmaklerin, die zunächst persönliches Interesse zeigt und nebenbei mit vermeintlichen Veranlagungstipps und gefälschten Kursdiagrammen zu Investitionen verleitet (Sogenannter „Pig butchering scam“). Auch der Austausch intimer Fotos kann Teil der Masche sein. Diese Bilder werden später unter Umständen für Erpressungsversuche genutzt, um weitere Geldzahlungen zu erzwingen – eine Betrugsform, die als „Sextortion“ bezeichnet wird. Social Media und Dating-Apps werden von Kriminellen häufig gezielt für den Erstkontakt genutzt.

Wenn Betroffene merken oder vermuten, dass sie Opfer eines Love-Scams geworden sind: Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es?

Wenn Betroffene spüren, dass sie Opfer eines Liebesbetrugs geworden sein könnten, brauchen sie vor allem Verständnis für ihre Situation. Im Idealfall ist jemand an ihrer Seite, der zuhört und sie bei den nächsten Schritten aus diesem emotionalen Ausnahmezustand begleitet. Unterstützung können etwa psychologische Beratungsstellen oder auch der kriminalpolizeiliche Beratungsdienst bieten – etwa im Zusammenhang mit einer polizeilichen Anzeige. Vorwürfe sind dabei fehl am Platz, denn niemand ist völlig davor geschützt, auf eine solche Masche hereinzufallen. Viele Betroffene erleben nach der Erkenntnis des Betrugs einen starken emotionalen Tiefpunkt – auch deshalb, weil die intensive Aufmerksamkeit der Täter:innen, das sogenannte „Love-Bombing“, plötzlich abrupt endet.

Oft erkennen Außenstehende früher, dass etwas nicht stimmt. Was können Angehörige oder Freund:innen tun, wenn sie vermuten, dass jemand Opfer eines Love-Scams ist?

Wichtig ist, die betroffene Person ernst zu nehmen und ihr keine Vorwürfe zu machen, sondern Verständnis zu zeigen. Gleichzeitig kann man versuchen, sie zum kritischen Nachdenken anzuregen – etwa indem man sachliche Fragen zu möglichen Ungereimtheiten in der Geschichte stellt und ermutigt, diese auch gegenüber der angeblichen Partnerperson anzusprechen.

Bei Vorwürfen ziehen sich Betroffene oft zurück und sprechen nicht mehr über das, was passiert. Täter:innen versuchen zudem häufig, ihre Opfer dazu zu bringen, die Beziehung geheim zu halten, damit niemand aus dem Umfeld misstrauisch wird oder eingreifen kann. Deshalb ist es wichtig, sachte vorzugehen und die betroffene Person zu unterstützen, anstatt zu verurteilen.

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© Birgit Pichler

Tjara-Marie Boine ist Redakteurin für die Ressorts Business, Leben und Kultur. Ihr Herz schlägt für Katzen, Kaffee und Kuchen. Sie ist ein echter Bücherwurm und die erste Ansprechpartnerin im Team, wenn es um Themen wie Feminismus und Gleichberechtigung geht.

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