Geburt: Ein Neugeborenes liegt eingewickelt auf der Brust der Mutter, während sie es ruhig betrachtet und berührt.

Ehrlich magisch

Keine Klischees, keine Filter, keine Inszenierung: Christiane Raffeiner fotografiert Mütter bei der Geburt.

7 Min.

Hallo Erst mal. Zauberhafte Newcomer aus vielen Perspektiven © Christiane Raffeiner/kindundkamera.at

Christiane Raffeiner hält magische Momente der Geburt fest – und inspiriert zum friedlichen Widerstand gegen geschönte Bilder.

Meine Kinder sind schon groß. Wir sind aus der Baby-­Bubble herausgewachsen, als mich Christiane Raffeiners E‑Mail erreicht – und fesselt. Sie ist mehrfach ausgezeichnete Geburts- und Wochenbettfotografin; was mich bewegt, ist die Schönheit ihrer echten Bilder: kraftvolle Momente, müde und gleichzeitig strahlende Mamas, liebevoll bei der Geburt unterstützende Personen – und Babys, die noch an der Nabelschnur baumeln, aber schon die Brust suchen. Dazu der Satz: „Ich will die Frauen, ihre Stärke und die Emotionen von Mutterschaft in den Mittelpunkt stellen.“
Wir verabreden uns in Purbach, wo Christiane mit ihrer Familie lebt – und ich spreche schon vorab mit zwei Müttern, die sie mit ihren Babys in jüngster Vergangenheit fotografierte.

Geburt: Eine Frau und ein Mann unterstützen gemeinsam die Geburt eines Babys in einer Wassergeburt und halten das Neugeborene vorsichtig.
© Christiane Raffeiner/kindundkamera.at

Neustart nach Kontrollverlust

Lisa Maria ist zweifache Mutter. Authentische Geburtsbilder inspirierten sie schon während ihrer ersten Schwangerschaft vor gut drei Jahren. Ihr Sohn kam im Krankenhaus auf die Welt, für die zweite Geburt nahm sie sich vor, pessimistische Prophezeiungen wie „Wenns nicht durch dein schmales Becken passt“ zu über- und auf sich selbst zu hören – und wenn es ohne Komplikationen läuft, daheim zu entbinden. „Bei der ersten Geburt erlebte ich einen totalen Kontrollverlust, ich hab’ gemacht, was die anderen wollten. Ich sollte aufhören zu schreien, also hörte ich auf, obwohl es mir gut getan hat“, erinnert sie sich.

Trotz der Freude über ihren Sohn seien im Wochenbett viele traurige Tränen geflossen. Ihr sei auch bewusst geworden, dass sozusagen alle Anwesenden den ganzen Prozess der Geburt gesehen haben, sie, die das Kind neun Monate in ihrem Bauch trug, aber kaum. Die Hausgeburt ihrer Tochter hielt nun vor wenigen Monaten Christiane Raffeiner für sie fest, „wir haben in den Wehenpausen getratscht und gelacht, da war viel positive Energie“, beschreibt Lisa Maria. Nach einer „kraftvollen schnellen“ Geburt sei ihr zweites Baby in den Geburtspool geflutscht.

„Die Bilder haben für uns einen großen Wert als Erinnerung, aber auch einen gesellschaftlichen Wert, wie wir über die Geburt denken“, sagt Lisa Maria, von Beruf Kinderkrankenschwester. Häufig werde in zwei Extreme einsortiert: „Entweder wird romantisiert oder es wird behauptet, eine Geburt sei grundsätzlich gefährlich.“ Geburtsfotografie werte nicht, sondern zeige, wie unterschiedlich Geburten sein können – und „unsere Kraft, wie viel wir Frauen leisten“.

Eine Frau stützt sich während der Geburt auf einen aufblasbaren Pool, während eine Begleitperson ihre Hand hält.
Liebevoller Support. Im Geburtspool daheim © Christiane Raffeiner/kindundkamera.at

Der schönste Tag

Miriam Jakl ist selbst Hausgeburtshebamme – und plante die Geburt ihres Sohnes besonders behutsam und umsichtig; dazu habe auch die schmerzhafte Erfahrung eines früheren Schwangerschaftsverlustes beigetragen. „Für mich ist Geburt etwas Machtvolles, ich wollte sehr gerne für mich Bilder davon – und für unseren Sohn“, erzählt sie. „Er ist jetzt einundeinhalb und schaut sie sich schon total fasziniert an.“

Gute 14 Stunden hatte sie Wehen, in dieser Zeit kam und ging die Fotografin, war sozusagen für die Familie auf Abruf bereit. Dass Christiane Raffeiner schließlich die „traumhafte Geburt ihres Sohnes“, wie die junge Mutter sagt, für sie dokumentieren konnte, bedeutet ihr sehr viel. „Für mich sind diese Bilder und Videos eine Investition in uns und unseren Prozess. Für meinen Mann und mich war das der schönste Tag.“

Mama und Fotografin. Christiane Raffeiner weiß genau, wie sie sich – manchmal auch auf Zehenspitzen – durch Räume, in denen Frauen gebären und stillen, bewegt: Sie selbst hat vier Mal entbunden, ihre drei Töchter und ein Sohn sind zwölf, neun und sechs Jahre alt; im Finale waren es Zwillinge. Während eine ihrer beiden jüngeren Schwestern Hebamme wurde, ging die gebürtige Südtirolerin nach Wien, um Wirtschaft und Statistik zu studieren – und bereiste später als IT-Beraterin die halbe Welt.

Geburt: Ein Neugeborenes liegt direkt nach der Geburt auf dem Körper der Mutter und sucht die Brust.
© Christiane Raffeiner/kindundkamera.at

Doch das Leben mit Kids veränderte vieles und kitzelte eine in ihr schlummernde Seite wach. „Ich hatte ein tiefes Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun, anderen etwas zurückzugeben“, schildert sie. Die Ausbildung zur Hebamme wäre ihr neben der Familie zu zeitintensiv gewesen, aber ihre Faszination für Geburt und Mutterwerden mit der Leidenschaft für Fotografie zu verknüpfen, fühlte sich richtig an. Sie machte eine Ausbildung inklusive einer Spezialisierung für Geburtsfotografie und legte vor gut fünf Jahren los.

Aufbruch

Dabei bemerkt sie neuerdings eine Art solidarischen Aktivismus gegen Bilder, die Klischees reproduzieren. Immer öfter würden Mütter von sich aus der Fotografin Fotos zum Teilen und Veröffentlichen anbieten, „ihnen ist es ein Anliegen, hier etwas zu verändern, ein bisschen ehrlichere Bilder zu zeigen“, erzählt sie. „Wichtig ist mir, dass es bestärkende Bilder sind.“

Das gelingt ihr auch mit Wochenbett-­Reportagen. „Die Sorge davor ist oft: ,Da sieht man ja müde aus und daheim herrscht Chaos.‘ – Aber ich fotografiere ja nicht die Wohnung, sondern konzentriere mich auf die Menschen: Auch wenn man müde ist, ist da viel Strahlen, während beispielsweise Mutter und Baby auf der Couch nur füreinander Augen haben.

Vielleicht brüllt das Kind gerade und die Eltern fühlen sich gestresst, da beruhige ich: Tröstet euer Kind, als wäre ich nicht da, das werden sehr schöne Fotos.“ Sie erlebt auch, wenn Familienmitglieder kommen, wie etwa die Oma, die das Enkelkind zum ersten Mal sieht. „Da sind viele besondere Momente und ich gehe immer mit einem Lächeln nach Hause.“

In ihrem Weg bestätigt fühlte sich Christiane Raffeiner schon beim ersten Auftrag. „Es war das vierte Kind einer Mama – und sehr schnell da. Als ich ankam, war es gerade ein paar Minuten auf der Welt. Das war magisch“, beschreibt sie. „Ich erlebe ganz unterschiedliche Settings. Hier waren viele Menschen in einem kleinen Raum, die sich freuten. Trotzdem war es ganz still, alle waren voller Hochachtung für den Moment.“

Eine Frau sitzt lächelnd in einem Sessel und blickt in die Kamera.
Christiane Raffeiner © Christiane Raffeiner/kindundkamera.at

Mutterschaft ist von Zweifeln geprägt – die Vielfalt der Bilder hilft. Christiane Raffeiner, Geburts- und Wochenbettfotografin

Zumeist fotografiert sie Hausgeburten beziehungsweise in Geburtshäusern, es gebe aber auch Krankenhäuser, die Geburtsfotografie offen und positiv gegenüberstehen. Im Vorjahr buchte sie eine Mama sogar für einen geplanten Kaiserschnitt. Sie mag auch „Frisch geboren“-­Reportagen, wenn sie etwa festhalten darf, wie Geschwisterkinder das neue Familienmitglied bestaunen oder das Baby einfach am nackten Oberkörper der Eltern liegt. „Ich halte gerne diese scheinbar winzigen, normalen Szenen fest, die wir sonst vergessen:

Wenn ein bisschen Milch aus dem Babymund tropft, wie Eltern einander die ersten Male ihr Kind übergeben oder ein winziger Fuß in den weichen Bauch der Mutter drückt. Wir sehen viel zu wenig echte Bäuche. Natürlich sollen sich die Mütter schön auf den Bildern finden, aber es sagen immer mehr: Ich möchte eine Erinnerung an meinen Bauch, da war mein Kind drinnen.“

Eine Familie liegt gemeinsam im Bett, während ein Neugeborenes gestillt wird und ein Kleinkind daneben sitzt.
Wir sind Familie. Wochenbettbilder erinnern an das Ankommen und Kennenlernen. © Christiane Raffeiner/kindundkamera.at

Dass schön und ehrlich gleichzeitig geht, davon ist Christiane Raffeiner überzeugt. „Wir müssen dagegenhalten, damit nicht nur geschönte Mutter-­Kinder-Bilder das Netz überschwemmen, die Menschen den Realitäts­bezug verlieren und sich ohne Filter kein Foto mehr zeigen trauen.“
Gerade zu Beginn der Mutterschaft, in einer Zeit, die von so vielen Unsicherheiten und Zweifeln geprägt ist, sei es enorm wichtig, Vielfalt zu zeigen.

Oftmals unterstützen die Bilder die Mütter dabei, die Geburt zu verarbeiten, gerade wenn sie schwierig und langwierig war. Die Fotografin weiß aus Erfahrung: „Niemand sagt beim Anblick: Das war eine harte Geburt, ich will mich nicht erinnern. – Sondern eher: Es war hart, aber wow, ich war richtig stark.“

Info: kindundkamera.at

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