Virginia Ernst und Dorothea lachen gemeinsam bei einem Lifestyle-Shooting im Outdoor-Bereich.

Echt (Virgina) Ernst

Virginia Ernst und ihre Frau Dorothea sprechen über Liebe, Geldsorgen, Kinderwunsch, Panikattacken und ein turbulentes, chaotisches Leben, das sie trotzdem mit Leichtigkeit zusammenschweißt.

8 Min.

© Ben Leitner

Im Garten hinter dem Haus stehen Gläser auf dem Tisch, beige Leinenvorhänge schirmen uns vor der knalligen Sonne ab, irgendwo läuft ein Kind vorbei, zwischendurch wird geplaudert und erzählt. Eigentlich war nur ein kurzes Gespräch geplant, geworden ist daraus ein Nachmittag mit viel Lachen, Deep Talk und einem herrlichen Erdbeer-Kokos-Tiramisu. Virginia Ernst spricht schnell, offen und mit einer Kombination aus Energie, Humor und Tiefe, die man selten gleichzeitig erlebt.

Dorothea hört oft erst einmal zu, wirft dann aber ab und zu einen Satz ein, der vieles auf den Punkt bringt. Und irgendwann merke ich: Das muss echte Liebe sein. Diese beiden haben sich ein Leben gebaut, das zwar laut und chaotisch ist, aber auch von Liebe und Respekt getragen wird – und das vor allem sehr echt ist.

Virginia, bist du jemand, der genau weiß, was er will?

Virginia: Absolut. Ich war schon immer so. Schon als Kind hab ich mich daheim durchgesetzt, um das zu bekommen, was ich wollte. Ich hab mit vier oder fünf Jahren „Mighty Ducks“ gesehen und meine Mutter dann so lange gequält, bis ich Eishockey spielen durfte. Mit 17 bin ich für den Sport alleine nach Schweden gezogen.

Musik war damals noch gar kein Thema?

Virginia: Überhaupt nicht. Erst mit 20 hab ich von meinem Onkel eine Gitarre zum Geburtstag bekommen und mir mit Youtube selbst das Spielen beigebracht. Der erste Song ist eigentlich aus einem emotionalen Breakdown entstanden. Dass ich irgendwann Musikerin werde, war nie der Plan. Meine Mama hat mich dann bei einem Singer-­Songwriter-Workshop in England angemeldet und den hab ich gewonnen.

Du warst mit „Rockin’“ und „Soldier“ von 2014 bis 2016 die am meisten gespielte Österreicherin im Radio. Heute machst du keine neue Musik mehr, sondern Comedy und Content-­Creation in der digitalen Welt. Wa­rum?

Virginia: Als weibliche Sängerin in Österreich kannst du von der Musik kaum leben. Obwohl meine Songs im Radio liefen und ich bekannt war, wurde die Situation finanziell schwierig. Und während Corona war es dann ganz schlimm, ich hab nix verdient, wurde im Radio immer weniger gespielt. Ich hab ihnen damals meine Meinung gesagt. Das war vielleicht musikkarrieretechnisch nicht die klügste Idee. (lacht) Aber wir mussten jeden Cent zweimal umdrehen.

Und heute habe ich insgesamt knapp 700.000 Follower und erreiche mit meinen Comedy-Videos auf Social Media im Monat 30 Millionen Leute und wir können gut davon leben. Hättest du mir das vor fünf Jahren gesagt – ich hätte dir nie geglaubt, dass ich einmal mit lustigen Videos mein Geld verdiene. Privat war ich immer lustig und aktiv. Nur auf der Bühne konnte ich das früher nie zeigen. Virginia Ernst hat seriöse Musik gemacht, für Gleichberechtigung gekämpft, aber lustig war das nie.

Mit „#weare – starke Stimmen, starke Frauen“ förderst du heimische Künstlerinnen, indem du ihnen am Weltfrauentag am 8. März jährlich eine Bühne gibst …

Virginia: Ja, weil ich es eine Frechheit finde, dass weibliche Künstlerinnen viel weniger im Radio gespielt werden und viel weniger auf Festivals stattfinden als männliche. Das #weare-­Konzert ist neben meinem Job als Content-Creatorin unser jährlicher Fixpunkt. Wir organisieren das als Familie, also Dorothea und ich mit meinen Eltern, wir machen alles selber.

Virginia Ernst bei einem entspannten Outdoor-Porträt mit kariertem Hemd und sommerlicher Naturkulisse.
© Ben Leitner

Ich hätte nie gedacht, dass ich mein Geld mal mit lustigen Videos verdienen werde.”, Virginia Ernst

Ihr erzählt eure Kennenlern­geschichte heute mit viel Humor. Wie war das damals wirklich?

Virginia: 2016 hab ich Dorothea in der Volksgarten Clubdisco kennengelernt. Sie hat mir am nächsten Tag auf Facebook geschrieben, dann wollten wir uns zwei Tage nach unserem Kennenlernen mit mehreren Freunden treffen, aber alle haben abgesagt. Also waren wir plötzlich alleine.

Dorothea: Und wir hatten einfach so eine gute Zeit. Wir sind durch die Stadt gezogen, haben Barhopping gemacht, haben gesungen, getanzt, viel gelacht. Damals war ich frisch getrennt und wollte mein Singleleben einfach erst mal genießen. Liebe auf den ersten Blick war es vielleicht nicht, aber irgendetwas zwischen uns war da von Anfang an.

Virginia: Bei mir war das anders. Ich wusste sofort: Diese Frau möchte ich heiraten. Und das hab ich zwei Tage später auch meiner besten Freundin gesagt. Nach unserem Abend in der Stadt waren wir unzertrennlich. Zwei Wochen später hab ich Dorothea einen Antrag gemacht! Es wurden damals sogar Wetten abgeschlossen, wann wir uns wieder trennen. (lacht) Das ist jetzt zehn Jahre her. Und die Liebe ist mit jedem Tag gewachsen. (Anm.: 2017 heirateten sie im Schloss Lackenbach im Mittelburgenland.)

Dorothea, du warst davor nur mit Männern zusammen. Hat dich das selbst überrascht?

Dorothea: Überrascht ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Aber sagen wir so: Ich hatte es definitiv nicht auf der Pipeline. Über Jahre habe ich mir eine gedankliche Liste gemacht, wie mein Partner sein soll. Dass ich mit diesem Menschen lachen kann, dass er mich nimmt, wie ich bin. Dass man gemeinsam durch Probleme geht, an einem Strang zieht. Aber dass es ein Mann sein muss, stand halt nie auf der Liste. (lacht)

Virginia: Mich interessiert diese Zuschreibung einfach nicht. Ich bin Fan davon, dass man sich in einen Menschen verliebt – aufgrund seiner Persönlichkeit, nicht aufgrund des Geschlechts. Meine Freundinnen waren immer Frauen, die eigentlich nicht auf Frauen stehen. Sie mochten mich einfach, weil ich war, wie ich war.

Ihr habt mittlerweile drei Kinder, arbeitet zusammen und seid eigentlich ständig gemeinsam. Wie schafft man das?

Virginia: Ja, wir haben uns die ganze Zeit. Das ist mit drei kleinen Kindern natürlich intensiv. Unsere Babysitterin ist super und hilft uns immer wieder.

Dorothea: Und trotzdem können wir uns noch ein viertes vorstellen (Anm.: Das jüngste Kind ist wenige Monate, das älteste fünf Jahre). Ich hab Angst, dass ich nie genug davon bekomme, schwanger zu sein und Kinder zu kriegen. (lacht)

Virginia Ernst sitzt lächelnd auf einer Terrasse mit Sonnenbrille in der Hand.
© Ben Leitner

Ich habe mir eine Liste gemacht, wie mein Partner sein soll. Dass es ein Mann sein muss, stand halt nicht drauf.”, Dorothea Ernst

Ihr sprecht auch offen über das Thema künstliche Befruchtung/Insemination. Wie war das bei euch konkret?

Virginia: Bei der Insemination wird der Samen mit einem dünnen, flexiblen Katheter durch den Gebärmutterhals eingeführt und gezielt in die Gebärmutter gebracht, eine künstliche Befruchtung hingegen findet außerhalb des Körpers, also „extern“, statt. Das ist alles auch eine Kostenfrage. Und die Förderung, die bezahlt wird, ist für Hetero-Paare und gleichgeschlechtliche Paare gleich.

Der Unterschied ist nur, Hetero-Paare können es auf „normalem“ Wege versuchen, wir als gleichgeschlechtliches Paar müssen in jedem Fall auf die Hilfe Dritter zurückgreifen und zahlen automatisch. Also müssen wir uns die Kinder von Haus aus „kaufen“. Hätten wir es auf natürlichem Weg gemacht und einen Freund wegen der „Bechermethode“ gefragt, hätte ich niemals rechtlichen Anspruch auf meine Kinder.
Wir kennen den Spender der Samen nicht. Aber wir konnten vorher anhand einer Datenbank wählen, wie er sein soll. Und es war uns eben wichtig, dass er ähnliche äußere und Wesensmerkmale hat wie ich.

Virginia, du wirkst extrem stark und energiegeladen. Gibt es auch eine andere Seite?

Virginia: Ich war immer schon sehr ängstlich. Das sieht man mir vielleicht nicht an, aber ich hatte mit 18 meine erste Panikattacke. Lange wusste ich gar nicht, was das ist. Erst seit Dorothea kann ich sehr gut damit umgehen. Die Kommunikation mit ihr hat mir wahnsinnig geholfen. Seit die Kinder auf der Welt sind, lebe ich gefühlt nur noch in Angst (lacht). Mein Kopf rattert die ganze Zeit. Ich bin eine totale Nachdenkerin und sehr sensibel. Ich spüre Menschen sehr stark, deswegen meide ich heute viele Veranstaltungen.

Eure Liebe zelebriert ihr mit einer wunderschönen Selbstverständlichkeit. Wollen andere eure Beziehung viel stärker definieren als ihr selbst?

Virginia: Ja, das erleben wir schon manchmal. Viele Menschen verbinden mit unserer Beziehung automatisch bestimmte Erwartungen oder Themen. Mir persönlich ist vor allem Gleichberechtigung generell wichtig, unabhängig davon, ob es um gleichgeschlechtliche Beziehungen oder andere Lebensmodelle geht. Genau das versuche ich auch in verschiedenen Schulprojekten zu vermitteln. Dabei merke ich oft, dass Schüler*innen anfangs eher zurückhaltend sind, im Laufe der Gespräche aber sehr offen und ehrlich werden. Für mich geht es vor allem darum, Menschen so anzunehmen, wie sie sind.

Virginia Ernst und Dorothea bei einem entspannten Gespräch auf einer sommerlichen Terrasse.
Gemütlich. In lockerer Atmosphäre und mit viel Humor und Tiefgang fand das Gespräch bei Virginia und Dorothea Ernst im Garten in Gablitz statt. © Ben Leitner

Virginia Ernst

Virginia Ernst (*1991 in Wien) war Profi-Eishockeyspielerin und spielte mehrere Weltmeisterschaften fürs österreichische Nationalteam. Nach Jahren in Schweden wechselte sie zur Musik, landete Hits wie „Rockin’“ und „Soldier“ und ist heute erfolgreiche Content-Creatorin, Podcasterin und Unternehmerin.

Instagram: virginiaernstofficial

Facebook: Virginia Ernst

TikTok: virginiaernst

YouTube: Virginia Ernst

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