With a Little Help: Die Kraft der kleinen Gesten
Vom Sitzplatz im Bus bis zum Ehrenamt: Wie kleine Gesten und freiwilliges Engagement unser Miteinander stärken können und uns zufriedener machen.
© Pexels/Thư Tiêu
Feierabendverkehr, der Bus ist voll. Die meisten starren auf ihre Handys, hören über ihre Kopfhörer Musik oder schauen erschöpft aus dem Fenster. Und doch gibt es manchmal kleine Momente, die herausstechen.
Neulich zum Beispiel: Ein Junge, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, stand ohne zu Zögern auf und bot einer älteren Dame seinen Sitzplatz an. Sie lächelte überrascht, setzte sich und fing an, sich mit ihm zu unterhalten – über die Schule, seinen Tag, später irgendwas mit Hunden. Ich habe nicht jedes Wort verstanden, aber was geblieben ist, war das Gefühl: Zwei Menschen, die sich sonst wohl nie begegnet wären, haben sich durch eine einfache Geste verbunden.
Kleine Geste, große Wirkung
Es sind solche scheinbar kleinen Momente, die zeigen, was gegenseitige Aufmerksamkeit bewirken kann – für andere, aber auch für uns selbst. Denn Helfen macht glücklich. Das zeigt auch die Wissenschaft: Eine groß angelegte Metastudie der Universität Hongkong aus dem Jahr 2020, die über 200 Einzelstudien mit rund 200.000 Teilnehmer:innen analysiert hat, zeigt, dass altruistisches Verhalten unser Wohlbefinden messbar verbessert – psychisch wie auch körperlich.
Besonders spontan gezeigte Hilfsbereitschaft, wie auch das Gespräch im Bus, kann das sogenannte Helper’s High auslösen: einen Zustand, in dem der Körper Glückshormone wie Dopamin, Serotonin und Oxytocin ausschüttet. Helfen wirkt damit wie eine Art natürliche Belohnung: Es stiftet Sinn, verbindet uns mit anderen und tut einfach gut.
Denn wie sagt man so schön:
„Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.“

Perspektiven wechseln, Werte stärken
Doch damit nicht genug: Wer sich regelmäßig engagiert, kann neue Fähigkeiten entwickeln, soziale Kompetenzen stärken und Einblicke in Lebensrealitäten gewinnen, die sich von der eigenen unterscheiden. Themen wie Einsamkeit, Altersarmut oder Pflegenotstand bekommen eine ganz andere Tiefe, wenn man nicht nur darüber spricht, sondern wirklich erlebt, was sie im Alltag bedeuten.
Engagement kann so also nicht nur die Perspektive erweitern, sondern auch Selbstreflexion und ein neues Bewusstsein für eigene Werte fördern. Sich zu engagieren bedeutet dabei nicht, die ganze Welt retten zu müssen. Oft reicht auch schon ein kleiner Schritt. Wie dieser Schritt im Alltag aussehen kann – und warum er nicht nur anderen, sondern auch einem selbst viel zurückgibt – berichtet uns Karin Lichtner, Leiterin der Katharina-Stube der Caritas Innsbruck.
Wer sich darauf einlässt, bekommt sehr viel zurück.
Sie leiten die Katharina-Stube der Caritas in Innsbruck. Was macht das Angebot aus und wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Karin Lichtner: Die Katharina-Stube ist eine Wärmestube für obdachlose Menschen, an dem sie Frühstück und Mittagessen bekommen und die Möglichkeit haben, sich zu duschen. Und sie ist ein Ort der Begegnung, an dem Gespräche, Zuhören und füreinander Dasein genauso wichtig sind.
Viele Menschen kommen nicht nur wegen einer warmen Mahlzeit, sondern weil sie hier gesehen werden.
Mein Arbeitsalltag ist dabei sehr vielfältig: Er reicht von organisatorischen Aufgaben über die Begleitung des Teams bis hin zum direkten Kontakt mit unseren Gästen. Mir ist besonders wichtig, einen offenen, wertschätzenden Rahmen zu schaffen, in dem sich sowohl Gäste als auch Mitarbeitende wohlfühlen können.
Seit wann engagieren Sie sich in diesem Bereich – und was hat Sie ursprünglich dazu bewegt?
Ich bin seit 2012 bei der Caritas tätig und arbeite seit 2018 in der Katharina-Stube. Seit Oktober 2022 habe ich die Leitung übernommen. Dass ich in der Stube gelandet bin, war eigentlich eher ein Zufall – oder Schicksal. Ich mache die Arbeit mit viel Herz und Überzeugung. Von Anfang an hat mich der direkte Kontakt mit den Menschen berührt; Die Möglichkeit, da zu sein, zuzuhören und Beziehungen aufzubauen. Genau das macht für mich den Kern dieser Arbeit aus.

Welche Momente berühren Sie in Ihrer Arbeit besonders?
Besonders berührend ist für mich zu erleben, wie Vertrauen entsteht und Beziehungen wachsen – oft ganz langsam, manchmal fast unmerklich. Zu sehen, was ein offenes Ohr, Zeit und ehrliches Interesse gerade in schwierigen Lebenssituationen bewirken können, geht mir sehr nahe.
Vor einiger Zeit haben wir ein neues Projekt gestartet und laden unsere Besucher:innen regelmäßig zu Spieleabenden beziehungsweise -nachmittagen mit gemeinsamem Kochen ein. Diese Treffen sind sehr beliebt und schenken den Menschen Freude, Gemeinschaft und Zusammenhalt. Denn es ist nicht nur materielle Armut, die vielen zu schaffen macht: Ein ebenso großes Problem ist die Einsamkeit und das Fehlen sozialer Kontakte.
Was würden Sie sagen: Was gibt einem das Engagement selbst zurück?
Sehr viel. Es ist erfüllend zu sehen, dass Menschen sich öffnen, wieder Vertrauen fassen und sich als Teil einer Gemeinschaft erleben. Wenn jemand sagt: „Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich mich das letzte Mal so wohl gefühlt habe“ oder „Ihr habt mir das Gefühl einer Familie zurückgegeben“, dann weiß ich, warum ich diese Arbeit mache. Ich bin überzeugt: Wenn Menschen sich wieder als Mensch fühlen dürfen, entsteht neue Stärke. Das kann motivieren, auch in schwierigen Situationen weiterzugehen und wieder Sinn im Leben zu finden.
Wenn jemand überlegt, sich freiwillig zu engagieren – was würden Sie ihm oder ihr mitgeben?
Kommen Sie mit Freude, Zeit und einer weltoffenen Haltung. Für uns ist es eine große Erleichterung, wenn Freiwillige uns im Alltag unterstützen, zum Beispiel bei der Essensausgabe. Es geht nicht darum, Lösungen für alles zu haben, sondern darum, da zu sein. Diese Arbeit ist keine Einzelleistung – sie lebt vom Team und von einer gemeinsamen Haltung. Gemeinsam schaffen wir in der Katharina-Stube einen Ort der Begegnung und Menschlichkeit. Wer sich darauf einlässt, bekommt sehr viel zurück.
So kann’s gehen:
- Gutes tun muss nicht groß sein – und auch nicht kompliziert. Hier ein paar Beispiele, wie und wo Engagement gelingen kann:
- Nachbarschaftshilfe: Hilfsbereitschaft direkt vor der Haustüre – ob Schnee räumen, ein Paket annehmen oder mit einkaufen.
- Für andere da sein: Besuchsdienste für ältere Menschen, Freizeitbegleitung oder Lernhilfe für Kinder und Jugendliche – sei es im persönlichen Umfeld oder organisiert über Besuchsdienste.
- Sozial unterstützen: Die Caritas Tirol bietet Freiwilligenarbeit unter anderem in Sozialmärkten, bei Besuchsdiensten oder in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen.
- Geflüchtetenhilfe & Integration: Organisationen wie die Tiroler Sozialen Dienste suchen Freiwillige für Freizeit- und Sprachbegleitung, Begegnungsprojekte oder Hilfe im Alltag.
- Tierschutz & Gassigehen: Wer Tieren helfen will, kann sich beim Tierschutzverein Tirol engagieren – ob beim Gassigehen, bei der Pflege oder bei Veranstaltungen.
- Freiwilligenzentren nutzen: In allen Regionen Tirols gibt es Freiwilligenzentren, die helfen, das passende Engagement zu finden. Infos unter: freiwilligenzentren-tirol.at
Mehr zur Autorin dieses Beitrags:

Tjara-Marie Boine ist Redakteurin für die Ressorts Business, Leben und Kultur. Ihr Herz schlägt für Katzen, Kaffee und Kuchen. Sie ist ein echter Bücherwurm und die erste Ansprechpartnerin im Team, wenn es um Themen wie Feminismus und Gleichberechtigung geht.
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