Detoxmasculinity: Mann übernimmt Hausarbeit während Frau entspannt Kaffee trinkt, Rollenbilder im Wandel

Detoxmasculinity: Wir Männer sind das Problem

Was der kritische Männerforscher Christoph May in seinen Seminaren lehrt und welche Abwehrstrategien es zu entlarven gilt.

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Ein gemütlicher Abend in einem Wirtshaus, eine gemischte Gruppe plaudert, lacht. Dann kommt jene multifunktionale Küchenmaschine aufs Tapet, auf die aktuell viele zu schwören scheinen. Inmitten der lebhaften Diskussion über Preis, Vor- und Nachteile sagt einer der Männer, der ohne Partnerin am Tisch sitzt: „Meine Küchenmaschine hat zwei Ohrwaschln.“ – Er meint unmissverständlich seine Frau.
Leider hören es nicht alle, ich sitze dem Mann, den ich zuvor nicht kannte, gegenüber und starre schockiert in sein breit grinsendes Gesicht. Wie reagiert man in so einer Situation? Und was ist, wenn ein schlagfertiger Konter die Stimmung ruiniert?

„Wäre die Stimmung nicht ohnehin besser, wenn er nicht so einen sexistischen Mist sagen würde?“, antwortet Christoph May mit einer Gegenfrage. „Es sollte gar nicht die Aufgabe von Frauen sein, das ansprechen zu müssen. Eigentlich müssten ihn die Männer in der Runde zur Verantwortung ziehen, aber so richtig. Sie könnten ihn fragen: Wenn deine Partnerin hier wäre, würde sie auch lachen? – Männer müssen spüren, dass sie mit so etwas nicht davonkommen, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat.“

Detoxmasculinity: Portrait eines Mannes mit Mütze und Schnurrbart in ruhiger, reflektierter Pose
Christoph May Institut für Kritische Männerforschung © Detox Masculinity

70-jährige Frauen blühen nach der Trennung auf, Männer verzweifeln vor der Waschmaschine.

Kritische Männlichkeitsforschung – so lautet Christoph Mays Mission. Das dazugehörige Institut – auch bekannt als Detox Masculinity Institute – führt er mit seiner Partnerin, der Schriftstellerin Marie Louise May. Das in Deutschland beheimatete Duo konzipiert und organisiert Vorträge, Workshops und Seminare für Männer und gemischte Gruppen im DACH-Raum. Die Vision: eine bessere, vielfältigere, friedlichere Welt. Echte Helden glänzen durch Caring Masculinity, durch Fürsorge für sich selbst, andere und die Natur.

Wie kontraproduktiv hierfür männliche Monokulturen sind, weiß Christoph May aus erster Hand. Sein Heranwachsen hätte kaum „männlicher“ sein können: Während er ein Evangelisches Gymnasium besucht, wohnt er in einem Internat – mit streng getrennten Bereichen für Buben und Mädchen. Er erinnert sich an Bibelkreise und Kirchenchorfahrten.

„Natürlich war mir damals nicht klar, dass wir keine weiblichen Komponistinnen gesungen haben, und ich habe mir nicht die Frage gestellt, warum die tragenden Figuren alles Männer waren. Oder warum Frauen und queere Personen sukzessive aus der Bibel ,rausgeschrieben‘ wurden, die jetzt wieder zurückgeholt werden“, beschreibt er.

Zwölf wilde Jahre erlebt er dann in der Graffiti-­Szene ebenfalls in einer Männercrew, und er studiert später Literaturwissenschaft und Alte Geschichte, „mit vielen Heldensagen der Römer und Griechen und Männerkriegen“. Parallel dazu arbeitet er im bekannten Berliner Club „Berghain“ – und nach vielen Jahren der männlichen Technowelt öffnet sich ihm plötzlich die queere Szene.

Er beginnt das erste Mal, sich mit Männlichkeit zu beschäftigen – in analogen Begegnungen, lesend und an seiner Magisterarbeit schreibend. Den finalen Anstoß für ein neues Lebenskapitel geben ihm seine Partnerin und die Gespräche mit ihr: 2016 – ein Jahr vor MeToo – gründen Christoph und Marie Louise May das Institut für Kritische Männerforschung.

Wer bucht eure Workshops, Vorträge und Co?

Christoph May: Wir werden mittlerweile aus allen möglichen Bereichen angesprochen: aus Bildung, Wirtschaft, Politik, von Vereinen, Clubs, Privatpersonen. Ich habe neulich mit Türsteher*innen gearbeitet, aber auch mit einem Pärchen, weil die Frau ihrem Partner einen Gutschein für ein Seminar geschenkt hat.

Wie sieht ein Workshop mit dir aus?

Ich mache meistens drei Teile, die ich jeweils mit einer kurzen Info mit Bildern, Musikvideo und Memes gestalte, dann gehen wir ins Gespräch. Im ersten Teil geht es um männliche Monokulturen. Viele glauben, wir wären schon bei Gleichberechtigung, ich versuche zu zeigen, wie männlich dominiert unsere Gesellschaft ist. Ich frage dann: Wie seid ihr aufgewachsen? In welchen Männerrunden seid ihr aktiv? – Wenn ich wissen möchte, warum dort keine Frauen oder queeren Menschen dabei sind, fällt den meisten nichts dazu ein.

Danach sprechen wir über Männerfantasien, Körperbilder und Medienkonsum – und darüber, warum Männer kaum weibliche und queere Vorbilder nennen können. Wir reden auch über das Schlumpf-Patriarchat – hast du gewusst, dass Gargamel Schlumpfine erschaffen hat, um für Zwietracht unter den Schlümpfen zu sorgen? Mit der Serie sind viele aufgewachsen.

Im dritten Teil kläre ich über männliche Privilegien und Abwehrstrategien auf, über unbewusste und bewusste. Es geht auch um Empathiefähigkeit: für das Sexistische und das Gewaltvolle in weiblichen und queeren Lebensrealitäten. Das Problem ist, dass viele nichts davon wissen, weil sie kaum Freundinnen haben, weil sie nur in Männerrunden sind.

Patriarchatskritik von der ersten Klasse an:
Wir müssen Jungs früh über das System aufklären, in das sie reinwachsen.

Was sind männliche Abwehrstrategien?

Die großen gesamtgesellschaftlichen Abwehrstrategien sind Sexismus, häusliche Gewalt und Gewalt gegen queere Menschen, Femizide – alles Dinge, um das Patriarchat am Laufen zu halten. In Gesprächen sind das: zu viel Raum für sich einnehmen, eine raumgreifende Körpersprache und nicht sicher gehen, ob das Gegenüber es vielleicht besser weiß, „Not all men“-Argumente oder das Betonen, dass man in einem ausschließlich weiblichen Umfeld aufgewachsen ist (siehe auch Info unten).

Neulich hat einer gefragt, was ich von Matriarchatsforschung halte – in einem Seminar über kritische Männlichkeit wollte er über das Matriarchat sprechen (lacht). Das ist ebenso eine Strategie: immer gerne weg vom Thema. Ich höre auch oft: „Ich bin schon weit, ihr müsst die erreichen, die es echt betrifft.“

Du meinst: Es gibt keine Ausnahmen?

Nein. Ich bin auch keine Ausnahme. Ich denke, dass alle Männer nicht nur von diesem System profitieren, sondern es auch aktiv am Leben halten.

Detoxmasculinity: Vater füttert Baby liebevoll auf Sessel, fürsorgliche Vaterschaft und emotionale Nähe
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Wie dringst du zu den Männern durch?

Man muss mit ihnen über Privilegien ins Gespräch kommen, die sind ja für die Person selber meistens unsichtbar. Wir müssen mit Wissensvermittlung, mit den Basics anfangen. Wie sollen sich Männer ändern, wenn sie nicht wissen, was das Patriarchat ist, wenn sie das Wort Feminismus nicht einmal in den Mund nehmen?

Eines der größten Privilegien sind Männerrunden und Männernetzwerke. Ich muss ihnen klarmachen: „Hey, wir starten direkt an der Ziellinie, nur weil wir Männer sind.“ – Ein ebenso großes Privileg ist die unbezahlte Care-Arbeit von Frauen. Männern kann man deutlich machen: Das ist das Fundament, auf dem ihr eure Karrieren aufbaut.

Du sprichst von toxischen männlichen Monokulturen. Wofür sind die Gift?

Überall. Für soziale Beziehungen, für kulturellen Reichtum, für Gleichberechtigung, für die Sichtbarkeit von Frauen und queeren Menschen … Macht, Kontrolle, Dominanz – all diese toxischen Verhaltensweisen werden reproduziert, solange wir uns nur unter Männern bewegen.

Ich habe kürzlich zwei ältere Ehepaare durch den Schnee stapfen gesehen: die Männer voraus, die Frauen meterweit hinten. Männer unternehmen mit ihren Partnerinnen Radtouren und fahren einen halben Kilometer voraus.

Das ist toxisch: immer den Frauen und queeren Menschen zeigen, wo ihre Position ist. Das gilt genauso für Beziehungsdynamiken. Welche Beziehung hat nicht damit zu kämpfen, dass die Partnerin erst einmal die emotionale Arbeit machen muss? Männer erwarten das sogar.

Du meinst: Konflikte lösen, die Beziehung weiterentwickeln, diese „klassische“ Situation, in der der Mann schweigt und die Frau sich abmüht?

Die emotionale Sprachlosigkeit von Männern ist ein patriarchales Phänomen. Männer haben kein großes Interesse, sich psychisch weiterzuentwickeln, in Therapie zu gehen, an sich selbst zu arbeiten, sich kritisch zu hinterfragen, sie machen oft nicht einmal ihre Vorsorgeuntersuchungen. Für Männer heißt es: arbeiten gehen und Leistung zeigen. Jede zweite Frau würde unterschreiben, dass sie mit einem Mann ein zweites Kind in die Beziehung holt.

Es gibt tolle Dokus, die 70-, 80-jährige Frauen nach der Trennung begleiten, wie sie aufblühen – während die Exmänner vor der Waschmaschine verzweifeln. Ich freue mich, wenn die Frauen ausbrechen können. Viele schaffen es nicht, weil sie finanziell abhängig sind, und ich feiere jede Beziehung, wo das anders gelebt wird.

Verunsicherte Männer und Male Loneliness Epidemic (Epidemie männlicher Einsamkeit) – was hältst du von diesen Dingen?

Warum hören wir von Männern keine Kritik über die Strukturen oder über sich selbst? Warum sprechen Männer nicht über die wahren Epidemien: über Femizide, Sexismus, Gewalt gegen Frauen und queere Menschen? Warum schweigen sie sich zu all dem aus?

Detoxmasculinity: Vater und Kind reinigen gemeinsam Küche, partnerschaftliche Care-Arbeit im Alltag
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Es erschreckt mich extrem, wenn schon Jugendliche frauenfeindlich sind.

Ja, da kommt auch viel über Social Media. Immer mehr Boys plappern dieses Manosphere-Ding von Andrew Tate und den anderen Männercoaches nach; wir kriegen auch zunehmend Anfragen von überforderten Lehrkräften, die sagen: „Ich werde nicht ernst genommen, weil ich weiblich bin.“

In England hat die Serie „Adolescence“ (Netflix, Anm.) einen guten Diskurs angestoßen, sodass seit Anfang des Schuljahres Misogynie Thema an der Schule ist. Patriarchatskritik von der ersten Klasse an, das ist das, was ich predige. Wir müssen Jungs früh über das System aufklären, in das sie reinwachsen.

Braucht es für die Männer die Karotte vor der Nase, damit sich etwas verändert?

Katharina Mückstein (Filmemacherin, Anm.) hat einmal sinngemäß gesagt: Wenn die Leute in ein Anti-­Rassismus-Seminar gehen, werden sie auch nicht fragen: „Was habe ich davon?“ – Also, eigentlich nein. Aber natürlich will ich nicht, dass die Männer frus­triert aus dem Seminar gehen, darum versuche ich es auch unterhaltsam zu machen, aber es muss schon um die Kritik gehen. Ich merke jedenfalls, dass es nachwirkt, dass ihnen vieles auffällt.

www.detoxmasculinity.institute

Bewusste & unbewusste Abwehrstrategien

Täter-Opfer-Umkehr:
Betroffene/Opfer für Konflikte/Gewalt verantwortlich machen („Sie hätte keinen Minirock tragen sollen“)

Mansplaining:
ungefragt und belehrend etwas erklären (obwohl sie womöglich selbst Expertise hat)

Hepeating:
Idee/Vorschlag einer Frau als eigene Innovation präsentieren (raffinierte Wiederholung etwa beim Meeting)

Whataboutism:
mit Gegenbeispielen ablenken

Diskreditierung von Feminismus:
Feminismus wird als männerfeindlich, teilweise sogar einfach als Männerhass abgewertet

Filmtipp:
Feminism WTF von Katharina Mückstein (zum Beispiel via Amazon Prime)

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