© Jeanette Friedrich / @jeanette.sophie
Die Singer-Songwriterin Vanessa Marlen Dulhofer hat sich unter ihrem Künstlernamen NESS mit nur 21 Jahren bereits in die österreichische Musikgeschichte eingeschrieben. In ihren Texten verarbeitet sie persönliche Themen und verwandelt sie in Hymnen für die heutige Zeit. Mit klarer Haltung und der Botschaft: nicht aufgeben!
Sängerin NESS im Interview
Es war ihre Oma, die sie mit 16 Jahren ohne ihr Wissen zur ORF-Castingshow Starmania angemeldet hatte. Sie erreichte den dritten Platz und veröffentlichte noch im selben Jahr ihre erste Single. Der Rest ist Geschichte: Mit über 50 Millionen Streams und einer überaus starken Fanbase zählt sie heute zu den erfolgreichsten weiblichen Musikexporten Österreichs. Inmitten von Unsicherheit, Druck und Dauerüberforderung spricht sie in ihren Texten das an, was viele der Generation Z fühlen. Offen und klar.
Vanessa, in deiner gerade erschienenen Single „Das Gute gewinnt“ heißt es: Es ist nur ein Schritt vom Schatten ins Licht. Welchen Schritt meinst du?
Schwer zu sagen, vielleicht muss man das selber noch rausfinden. Jeder hat jeden Tag die Möglichkeit ein besserer Mensch zu sein und viele gute Dinge zu machen. Selbst wenn das nur bedeutet, dass man die Kassiererin anlacht, die den Rest des Tages vielleicht nur grantige Menschen sieht. Das ist der Schritt, den ich vielleicht damit meine. Ich denke, wenn wir alle nur 10 Prozent netter zueinander wären, wäre diese Erde ein ganz anderer Ort. Auch sollte man sich nicht die Meinungen aller Menschen zu Herzen nehmen, sondern vielmehr die Kritik jener Menschen annehmen, die einen inspirieren, die man cool findet, oder mit denen man vielleicht auch gerne tauschen würde. Wenn ich von Kritik rede, dann meine ich in diesem Fall auch nicht konstruktive Kritik, sondern unpassende und ungefragte Kommentare. Ich denke, in einer Zeit, in der so viel schiefgeht in der Welt, können wir alle gut vertragen netter zueinander zu sein.
Wie wichtig ist es dir zu glauben, dass „irgendwann das Gute gewinnt“?
Das ist mir sehr wichtig! Und ich hoffe, dass es am Ende auch stimmt! Gerade in der jetzigen Zeit ist es oft schwer, das Positive zu sehen, was vor allem die Welt betrifft. Ich glaube, dass wir Menschen eigentlich gut sind und dass wir vor allem lauter sein müssen. Der Hass bekommt zu viel Raum, sodass der Eindruck entsteht, dass kein Platz mehr für Liebe da ist. Wenn man allerdings genau hinschaut, dann ist da noch gar nichts verloren.

Machen dich deine sehr persönlichen Texte nicht auch verletzlich?
Total! Gleichzeitig finde ich es auch super schön, weil ich meine Gefühle mit den Menschen teilen kann und merke, wie sehr es die Leute berührt, wie sehr wir das gemeinsam fühlen. Außerdem hab ich selbst so eine Freude am Live spielen, obwohl ich anfangs so Angst davor hatte, vor Menschen zu stehen und meine Musik zu zeigen. Heute verbindet mich und meine Fans meine Musik, weil sie sie genauso fühlen wie ich. Wir wurden eine ganz große Familie, die ich nie wieder missen möchte. Das sind Menschen, denen ich alles verdanke, und das möchte ich zurückgeben. Ich möchte, dass Sie sich gesehen und gehört fühlen und wenn das heißt, dass ich mich dadurch verletzlich mache, dann soll das auf jeden Fall so sein. Musik ist mein Ventil. Ohne Musik hätte ich keine Form, mich irgendwie auszudrücken, über meine Gefühle zu sprechen. Umso schöner ist es, wenn ich damit Menschen so fühlen lassen kann, als wären sie nicht alleine.
Deine riesige Community ist dir eine Herzenssache, als Streaming-Star bist du ihnen aber auch ein Vorbild. Wie gehst du mit dieser Verantwortung um?
Diese Frage ist für mich ein bisschen schwer zu beantworten, weil ich es einerseits total schön finde, andererseits weiß ich gar nicht, was es bedeutet ein Vorbild zu sein. Ich würde jedenfalls nicht weiterempfehlen, alles nachzumachen, was ich mache (lacht). Ich möchte aber für sie unbedingt der Mensch sein, der sie ein bisschen begleiten kann auf dem Weg, den sie gehen. Wenn es jemandem schlecht geht und meine Musik dann dabei hilft – was mir schon mehrfach erzählt wurde – dann gibt mir das ein gutes Gefühl. Ich wollte lange nicht daran glauben, dass meine Musik so etwas kann! Aber mitzuerleben, dass meine Musik wirklich was macht mit den Menschen, ist für mich wunderschön und auf jeden Fall einer der Top-Gründe, warum ich das alles überhaupt mache.
Mein Leben fühlt sich an, als wär es ein schlechter Hollywood-Film, und trotzdem glaub ich dran, dass irgendwann das Gute gewinnt.
NESS in ihrer neuen Single „Das Gute gewinnt“
Wie geht es dir, wenn du Konzerte vor Tausenden von Menschen spielst?
Das ist so surreal, weil ich nie gedacht hätte, dass ich irgendwann mal das Privileg habe, auf einer Bühne zu stehen. Ich hab mich am Anfang gar nicht getraut, live zu spielen, weil der Respekt davor viel zu groß war. Als ich dann jedoch meine erste Show im B72 gespielt habe, war das für mich, als wär ich aufgewacht. Ich hatte zwar immer noch Angst und hab mich bei den meisten Shows nicht mal getraut, mich zu bewegen, aber mittlerweile gibt es nichts, was ich lieber mache als mit dieser Community gemeinsam den Abend zu verbringen. Mein Ziel ist es, dass sich meine Konzerte so anfühlen wie nach Hause zu kommen. Wie ein Ort, an dem man man selbst sein kann – einfach wie ein großes Wohnzimmerkonzert, zu dem ich meine ganze große Familie eingeladen habe. So will ich, dass sich das anfühlt.
Erdet dich dann auch das Heimkommen nach Traiskirchen?
Ich wohne zwar nicht mehr in Traiskirchen, aber noch immer in Niederösterreich und ich möchte auf keinen Fall wegziehen. Für mich ist das ein riesengroßer Kontrast zu dem, was ich sonst mache. Ich bin sehr viel in Großstädten unterwegs und muss sagen, dass mich das Nachhausekommen schon sehr erdet. Ich mag den Geruch der Kühe, wenn ich am Land vorbeifahre, weil es mich daran erinnert, dass ich Zuhause bin. Ich hoffe, man versteht jetzt, was ich meine (lacht). Also: ich liebe Österreich und kann mir niemals vorstellen, woanders zu leben als hier. Da ist meine Familie, da ist alles, was ich brauche, und vor allem ist das mein Zuhause – ob mit oder ohne Kuhgeruch (lacht).

Du singst „Lauf‘ allein durch die Stadt, alle rempeln mich an, als wäre ich unsichtbar“. Wenn du wählen könntest, wärst du lieber unsichtbar oder würdest du lieber Gedankenlesen können?
Ich wäre auf jeden Fall lieber unsichtbar. Darüber habe ich schon mal ganz lange mit einem Freund gesprochen, weil es total praktisch wäre, wenn man mal nicht gesehen werden kann. Als eher introvertierter Mensch würde ich sehr davon profitieren! Gedanken zu lesen könnte meine eigenen Gefühle eher mehr verletzen, als dass es mir helfen würde. Ich denke, niemand könnte gut damit umgehen, weil jeder Mensch manchmal Gedanken hat, von denen man nicht möchte, dass die andere Person das mitbekommt. Sei es, ob man die Person vielleicht mehr mag als sie nur zu mögen, oder sie vielleicht auch gar nicht mag. Die Gedanken sind der einzige Raum, der wirklich für dich alleine ist – und das ist gut so.
Was wären deine Wünsche an deine Generation?
Ich würde mir wünschen, dass wir uns alle ein bisschen mehr Liebe schenken, netter zueinander sind und vor allem merken, dass alles gar nicht so deep ist. Ich wünsche mir, dass wir aufhören, uns ständig mit irgendwelchen Idealbildern aus dem Internet zu vergleichen, denn es spiegelt absolut nicht das wahre Leben wider – das merke ich so oft in meinem Alltag in der Musikindustrie. Vieles ist hier einfach mehr Schein als Sein. Wir sind alle gut, so wie wir sind! Ausgenommen sind jene Menschen, die nichts Nettes zu sagen haben, die sollten dann noch ein bisschen an sich arbeiten. Aber nur, weil jemandem – wie in meinem Song – dein Outfit nicht gefällt, heißt das nicht, dass dein Outfit schlecht ist. Solange du dich darin wohlfühlst und das trägst, was du möchtest, sollte die Meinung anderer niemals Grund dafür sein, dass du versteckst, wer du bist. Und dann wünsche mir auch, dass wir uns weniger Stress machen und nicht das Gefühl haben, so schnell alles im Griff haben zu müssen. Was den Erfolg betrifft, macht das Internet einem sehr Druck, zum Beispiel mit irgendwelchen Vertriebsmenschen, die da in ihren Zwanzigern schon Millionen verdienen oder dir irgendwelche Kurse verkaufen wollen. Vor allem aber wünsche ich mir, dass wir mehr an uns glauben. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich irgendwann mal vor mehr als drei Menschen singen darf – und jetzt sind es Tausende. Deshalb bin ich überzeugt: du kannst alles schaffen, was du dir wünscht!
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