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Diagnose Brustkrebs: Und jetzt?

Anders intim

10 Min.

© Unsplash/Aman Singh

Gut ist, was gut tut. Diagnose Brustkrebs und keine Tabus: Wie ein liebevoller Umgang mit dem eigenen Körper und in der Partnerschaft gelingt.

Sie war noch nicht bereit für den kompletten Abschied. Sie brauchte einen Zwischenschritt. Peter sollte noch ein paar Millimeter dranlassen. Als sie später vorsichtig mit ihren Fingern über die Stoppeln fuhr, spürte sie am Hinterkopf eine Stelle mit längeren Haaren, die er übersehen hatte. Er machte sich erneut ans Werk.

Sie hörte das Surren des Rasierers – und im nächsten Augenblick hielt er erschrocken inne. Ihr Mann hatte die Haarschneidemaschine versehentlich auf Null eingestellt. “Er hat mir eine richtige Landebahn eingefräst – ich habe zur selben Zeit geweint und gelacht”, erinnert sich Claudia Altmann-Pospischek zurück. Vor diesem Moment hatte sie seit der Diagnose Angst. “Meine Situation war von Anfang an sehr ernst, trotzdem war meine erste Frage: Werde ich meine Haare verlieren? – Für mich war das eine Katastrophe, es war der Verlust von einem Stück Selbstwert, Weiblichkeit, Attraktivität.”

Keine familiäre Vorbelastung, kein ungesunder Lebenswandel, wenige Wochen zuvor noch eine Gesundenuntersuchung mit prima Werten – und dennoch: Claudia Altmann-Pospischek bekam die Diagnose metastasierter Brustkrebs. Eine unheilbare Form. Alles musste von dem Moment an neu gedacht werden. Ihr Körper, ihr Leben, ihre Partnerschaft.

Partner:innen können Angebote machen: ,Du bist wunderschön, was würde dir gut tun?‘

Marie Matyas, Psychotherapeutin, AKH Wien

“Die Diagnose ist etwas Einschneidendes, es ist ein Schock, eine Krise”, weiß Marie Matyas, Klinische Psychologin, Psychoonkologin und Psychotherapeutin an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde am AKH Wien. “Betroffene durchleben Wellen von Emotionen; Traurigkeit, Wut, Hilflosigkeit, Verzweiflung. Es tauchen Schuldgefühle auf, die Menschen versuchen die unkontrollierbare Situation zu kontrollieren, indem sie Antworten auf das Warum suchen. Rauchen, Alkohol und genetische Prädispositionen können Faktoren sein, aber in den allermeisten Fällen lässt sich nicht sagen, warum jemand an Krebs erkrankt. Die Diagnose verändert das Leben jedenfalls um 180 Grad. Viele sagen, es gibt für sie ein vor und ein nach der Diagnose.”

Priorität hat nach dem Schock das Überleben

Dafür gibt es keinen allgemeingültigen Fahrplan, nicht die eine Therapie. Jeder Körper ist anders und es gibt viele Formen von Brustkrebs. Es kann sein, dass die Brust oder ein Teil der Brust entfernt werden muss. Chemo-, Strahlen- und Antihormon-Therapie bringen Nebenwirkungen mit sich. Mehr als die quälende Übelkeit, die Durchfälle und das Erbrechen, um nur einige zu nennen, fürchten viele den Haarverlust. “Für die meisten Frauen sind die Haare ein Teil der Identität, wie sie sich nach außen präsentieren. Sie zu verlieren, macht die Erkrankung sichtbar”, sagt Marie Matyas.

Unsere Kundinnen kommen oft unsicher herein und gehen wieder gestärkt hinaus.

Klee Perücken

Neue Haare mit Feingefühl

Drei voneinander getrennte Studios richteten Christoph und Sascha Klee in ihrem Salon für Zweithaare auf der Hernalser Hauptstraße ein; in diesem Bereich sei Diskretion gefragt. Die Räume sind großzügig gestaltet, damit man bei Bedarf ein bis zwei Begleitpersonen mitnehmen kann. Mal ist es eine Freundin, mal ein:e Partner:in mit den Kindern. Die Spiegel lassen sich mit einem Handgriff verhängen. “Das wünschen sich manche Frauen, wenn sie zum Abrasieren kommen, da fließen oft Tränen”, beschreibt Sascha Klee. Bei diesem zumeist zweiten Termin sind die Frauen bereits mit der Perücke ausgestattet, für die sie sich zuvor in einem Beratungsgespräch entschieden haben. Wenn die Haare weg sind, folgen eine wohltuende Kopfmassage und eine sanfte Hautpflege. Wie viel Feingefühl es für diese Begegnungen braucht, weiß das Ehepaar Klee aus erster Hand: “Unsere Mütter sind beide an Krebs gestorben, sie waren auch Perückenträgerinnen.” Christophs Mutter war selbst Friseurin in Eisenstadt, wo die Klees einen zweiten Salon haben. Ihre Haare begannen ihr eines Nachts auszugehen. “Meine Mutter ist aufgewacht und hatte am Hinterkopf einen Kreis ohne Haare, das ist alles im Bett gelegen.” Um Betroffenen möglichst behutsam gegenüber treten zu können, lernt das Team laufend unter anderem von Doris Kiefhaber, der Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe; mit der Organisation verbindet Klee Perücken eine enge Kooperation. “Wir versuchen unseren Kund:innen auch immer zu vermitteln: Bringen Sie nicht automatisch mit einer Perücke Ihre Krankheit in Verbindung”, erklärt Sascha Klee. “Schauen Sie nach Hollywood, wie oft Stars an einem Tag kurze, am nächsten lange Haare haben. Perücken sind auch ein schönes Accessoire.”

Die Anekdote mit der abrasierten Landebahn erzählt Claudia Altmann-Pospischek mittlerweile schmunzelnd. Ihre Diagnose ist mehr als 13 Jahre her. Eine Vielzahl an Therapien und Operationen liegen hinter der studierten Publizistin, die sich seither auf mehreren digitalen und analogen Kanälen als Brustkrebs-Aktivistin engagiert. Christoph und Sascha Klee sind längst gute Freunde, die ihr erst kürzlich, als sie bereits zum zweiten Mal ihre Haare verlor, mit einer bunten Perücke eine Freude machten. Beim ersten Mal kannten sie einander noch nicht, sie ist aber bis heute für die gute Beratung dankbar, die ihr eine Fachfrau zuteil werden ließ. “Meine Feuerprobe war damals ein Abendessen bei unserem Stammgriechen”, erzählt sie. “Der Chef hat seine Hände zusammengeschlagen: ,Mein Gott, Claudia, was für eine schöne neue Frisur, viel besser als die alte!‘ – Er hat mir so viel Selbstwert zurückgegeben – und wir lachen heute noch darüber.”

Als ihr zuletzt die Haare ausgingen, war sie gerade für einen Kongress in Lissabon. Das sei nicht mehr so schlimm gewesen, wie beim ersten Mal. 40 Euro hätte ein Damenfriseur für das Abrasieren berechnet, da wechselte sie die Straßenseite und ging selbstbewusst in einen Barbershop. Dort habe sie nicht nur bloß die Hälfte bezahlt, “drei junge Männer haben dort gefragt, warum ich das wollte, haben sich meine Geschichte erzählen lassen, mich entzückend abgelenkt, mir Tee gebracht und mich sogar für ein Mutmach-Video auf meinem Kanal gefilmt”.

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Unsplash/Milo Weiler

Die große Liebe

Drei Mal hat Claudia bereits ihren Peter geheiratet, “ohne dass ich mich je scheiden hab‘ lassen”, lacht sie. Er gebe ihr “die allerbeste Unterstützung in jeglicher Hinsicht”, sagt sie, “aber manchmal fliegen auch die Fetzen. Es kann nicht sein, dass die Kranke nur geschützt wird. Wir versuchen eine möglichst normale Beziehung zu führen”.

Das ist nicht leicht. “Protective Buffering” nennt man in der Fachsprache die Strategie, “wenn in Partnerschaften eine Seite die andere zu schonen versucht”, erklärt die Psychoonkologin Marie Matyas. “Dadurch entsteht aber eine Barriere; es wird geschwiegen, obwohl ein Bedarf da wäre, Dinge zu besprechen.”

Es ist sozusagen “ein neues Normal”, das Claudia und Peter leben. Dazu gehört ein Körper mit vielen Narben. “Ich wurde allein an der Leber mehrmals operiert und hatte auch eine Bauchfellentfernung mit anschließender Chemo”, schildert sie. “Ich habe gelernt, meine Narben zu akzeptieren und sehe sie als Zeichen dafür, dass ich Widerstand gegen die Krankheit leiste. Dafür, was mein Körper hinter sich hat, funktioniert er noch immer wahnsinnig gut, dafür bin ich ihm sehr dankbar. Ein liebevolles Bild von sich selber zu haben, tut schon sehr gut.”

Zu diesem “neuen Normal” gehört auch ein neues Verständnis von Intimität. “Als ich meine riesige Bauchnarbe hatte, habe ich nur gehofft, dass sie wieder zugeht. Wenn es gerade ums Überleben geht, ist eine Umarmung schon der Gipfel.”, sagt Claudia Altmann-Pospischek. Mit viel Offenheit und Ehrlichkeit definieren sie und ihr Mann für sich Nähe stets neu. “Das kann ein romantischer Abend oder ,nur‘ Streicheln sein, es gibt so viele Spielarten. Wir lernen das alles fast ein bisschen neu seit der Diagnose. Eine Partnerschaft braucht sehr viele Aspekte, Sexualität möchte ich nicht ausklammern, das gibt uns auch Kraft. Wir verlieren durch die Krankheit ein Stück weit Frau zu sein. Mit einem guten partnerschaftlichen Leben, mit Nähe, Zärtlichkeit und Liebe kann da viel wiederhergestellt werden.”

Meine Narben sind ein Zeichen dafür, dass ich Widerstand gegen die Krankheit leiste.

Claudias Cancer Challenge

Wofür die Brust steht

Die Brust selbst ist ein besonders sensibler Bereich, “weil sie mit so unterschiedlichen Themen wie Weiblichkeit, Mutterschaft, Erotik, Lust stark verknüpft ist”, sagt die Psychologin Marie Matyas. Es kann sein, dass sich durch eine Operation die Empfindung verändert. “Das bedeutet auch, ein Stück weit Abschied zu nehmen von der Brust, wie ich sie kannte und mit der ich vielleicht meine Kinder gestillt habe. – Ebenso können Fragen auftauchen wie: Findet mich mein:e Partner:in noch schön und begehrenswert?” Somit sei es im Austausch mit den Patientinnen wichtig, dem ohnehin tabuisierten Thema Sexualität Raum zu geben, aber umgekehrt auch niemanden zum Gespräch zu drängen. “Sowohl der Verlauf der Erkrankung, als auch was man unter Sexualität versteht, ist sehr individuell.” Häufig werde es automatisch mit dem Begriff Penetration verbunden, dabei sei Intimität viel facettenreicher, betont Marie Matyas. “Wir schauen gemeinsam mit den Patientinnen: Wie kann ich kommunizieren, dass ich jetzt vielleicht keinen Geschlechtsverkehr möchte, mir aber trotzdem Nähe wünsche. Das Nein wird in partnerschaftlichen Settings oft als Zurückweisung verstanden. Es bedeutet aber nicht ,ich will dich nicht‘, sondern dass man gerade irgendetwas Bestimmtes nicht will.”

Gefragt sei ein möglichst behutsamer Umgang gerade mit betroffenen Körperstellen. Es kann hilfreich sein, sich zunächst selbst lustvoll zu nähern, bevor man Sexualität mit jemand anderem lebt. Partner:innen können Angebote machen, schlägt die Psychotherapeutin Marie Matyas vor: “Du bist wunderschön, wie du bist – darf ich dich da berühren? Was wäre schön für dich?” – Diese Schritte bedürfen gute Gespräche und viel Rücksichtnahme auf die Patientin. “Es kann auch schön sein, sich an frühere gemeinsame intime Momente zu erinnern und sich einander so anzunähern – aber nicht mit dem Endziel Orgasmus, sondern mit einem offenen Ziel.” Es sei grundsätzlich ein gesellschaftliches Problem, mit welcher Erwartungshaltung Frauen konfrontiert sind und dass sie oft anderen zuliebe und nicht ihren Bedürfnissen entsprechend handeln. “Normalität sollte sein, jederzeit sagen zu können: ‚Wir haben uns ausgezogen, wir greifen uns an, das reicht für mich jetzt.‘ – Niemand hat zu keinem Zeitpunkt den Anspruch auf den Körper einer anderen Person.”

“Am Anfang steht die Erkrankung und sonst wenig”, sagt Marie Matyas. “Erst nach und nach kann man schauen, Dinge, die einem gut tun, (wieder) ins Leben zu holen; die Erkrankung bleibt ein Teil des Lebens, aber sie soll nicht das Leben ausmachen.”

Der nur scheinbar äußerliche Schritt eine Perücke zu tragen, mit der man sich wohlfühlt, kann ein guter Anfang sein, wissen Christoph und Sascha Klee. In ihrem Salon bieten die beiden ein üppiges Zweithaarsortiment in vielen Macharten, Längen und Farben an; bei einer Krebsdiagnose übernehmen die Krankenkassen einen Teil der Kosten. Dass man bei Klee Perücken nicht online shoppen kann, ist eine bewusste Entscheidung. 2,5 Stunden reservieren die Klees im Terminkalender, wenn sich jemand anmeldet – und man bekommt eine individuell auf Bedürfnisse, Geschmack und Budget abgestimmte Beratung. Ein Beispiel: “Es wäre ein Fehler zu glauben, dass Echthaar immer Kunsthaar vorzuziehen ist”, weiß Sascha Klee. “Wird eine Kunsthaarperücke nass, muss sie nur trocknen und sieht wieder genauso aus, echte Haare müssen hingegen wieder gestylt werden, wobei man auf einige Dinge, wie dass man sie nicht mit dem Handtuch rubbeln darf, achten muss”, führt Christoph Klee aus.

Ihr inneres Album ist voll mit unvergesslichen Begegnungen. Besonders nahe gehen ihnen junge betroffene Familien, selbst Schwangere kann die Diagnose treffen. “Eine junge Mutter war mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn da, eine süße Familie. Sie hat dringend eine Perücke gebraucht, weil sie erzählt hat, dass das Baby noch in derselben Woche geholt wird, damit sie am Montag darauf mit der Chemo beginnen kann”, erzählt Sascha Klee.

Besonders schön sei es zu sehen, wie oft Frauen, die beim ersten Mal unsicher über die Türschwelle treten, danach gestärkt aus dem Geschäft gehen. “So viel Dankbarkeit erlebt man in keinem normalen Friseursalon”, sagt Christoph Klee – und sein Partner ergänzt lachend: “Manchmal kriegen wir vor Freude ein Bussi, manchmal kommen Kundinnen einfach so vorbei, um uns Kuchen oder selbstgebackenes Brot zu bringen.”

Die Gesprächspartner:innen

  • Claudia Altmann-Pospischek, Claudias Cancer Challenge
  • Marie Matyas, MSc
    Die Klinische Psychologin, Psychotherapeutin und Psychoonkologin Marie Matyas, MSc. gehört zum Team der Klinischen Abteilung für Allgemeine Gynäkologie und Gynäkologische Onkologie (Schwerpunkt Brustkrebs) an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde / Universitätsklinikum AKH Wien.
  • Klee Perücken
    Christoph und Sascha Klee betreiben zwei “Klee Perücken”-Salons:
    Wien, Hernalser Straße 18 Tel: 01/403 34 44
    Eisenstadt, Rusterstraße 85/Top 0.06 | Tel: 02682/62345
    www.klee-peruecken.at

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