Gossip, Symbolfoto Spill the Tea

Warum Gossip mehr ist als nur Klatsch und Tratsch

Spill the Tea: Popkultur-Analystin Gizem Çelik zeigt in ihrem Buch "More than Gossip", was unser Blick auf Stars über uns selbst verrät.

8 Min.

© Pexels/Cup of Couple

Was für andere nur mehr oder weniger abwertend als Trash oder Gossip abgetan wird, ist für Gizem Çelik viel mehr als das. Denn hinter den Schlagzeilen über Stars, Skandale und Internetphänomene stecken oft viel größere gesellschaftliche Fragen: Warum verzeihen wir manchen Menschen alles, während andere für denselben Fehltritt öffentlich zerrissen werden? Warum faszinieren uns manche Geschichten über Jahre? Und was sagt es über uns aus, wen wir feiern und wen wir fallen lassen?

It‘s that deep

In ihrem neuen Buch „More Than Gossip“ nimmt Gizem genau diese Mechanismen unter die Lupe. Von Britney Spears und K-Pop über Andrew Tate und toxische Männlichkeit bis zu Johnny Depp vs. Amber Heard verbindet sie Popkultur mit Fragen nach Geschlechterrollen, Macht und Moral. Dass sie diese Themen nicht nur beobachtet, sondern als Content Creatorin und Podcasterin selbst seit Jahren Teil der Popkultur- und Social-Media-Welt ist, gibt ihren Analysen noch einmal eine persönliche Perspektive. Ihr Ausgangspunkt: Popkultur ist längst Teil davon, wie wir die Welt verstehen – und Gossip erzählt oft mehr über unsere Gesellschaft, als der bloße Blick auf die Schlagzeilen vermuten lässt.

Warum interessieren uns eigentlich die Trennungen, Affären oder Konflikte von Menschen, die wir persönlich gar nicht kennen?

Gizem Çelik: Ich glaube, wir projizieren ganz viel von uns selbst auf Stars. Vor allem als ich jünger war, hatte ich einen relativ langweiligen Alltag: Schule, ein paar Hobbys, aber als Schülerin erlebt man draußen ja nicht so viel. Bei den Stars gab es dagegen immer das ganze Drama: Liebe, Freundschaft, Arbeit, Skandale. Darauf projiziert man die eigenen Bedürfnisse und Sehnsüchte.

Deswegen finde ich Gossip auch so tiefgründig. Je nachdem, mit welchem Star man sich identifiziert, sagt das viel über die eigenen Werte aus – aber auch darüber, in welchem politischen Klima wir uns gerade befinden.

Haben Menschen schon immer getratscht oder ist das ein eher neues Phänomen seit Social Media & Co?

Wir haben schon immer getratscht, das war früher sogar eine Überlebensstrategie. Man musste sich auf das Wort anderer verlassen und sich so ein Informationsnetz aufbauen.

Was sich jedoch verändert hat, sind die Strukturen. Gossip war schon immer ein Machtinstrument, aber heute gibt es weniger Gatekeeper. Wir können alle unseren Senf in Kommentarspalten dazugeben, selbst Videos machen und Informationen verbreiten. Und das kann auch etwas Positives sein.

Wenn über jemanden in einer Machtposition getuschelt wird, weil diese Person sich schon öfter danebenbenommen hat, kann Gossip ein Frühwarnsystem sein. Wenn ich zum Beispiel Nachrichten bekomme wie „Pass ein bisschen auf “, kann ich das als Gossip abtun – oder die Infos nutzen, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen.

Mit ihrem TikTok-Kanal @morethangossip erreicht Gizem Çelik hunderttausende Follower:innen mit klugen Popkultur-Analysen.

Sie schreiben, hinter Gossip stecken „sehr große Fragen“. Was verrät uns Gossip über unsere Gesellschaft, und wann kann er auch zum Problem werden?

Die Gefahr bei Gossip kann natürlich sein, dass er uns ablenkt: dass wir nur an der Oberfläche bleiben, uns mit anderen beschäftigen statt mit uns selbst und unserer eigenen politischen Situation. Für mich wird Gossip politisch, wenn man sich fragt, was das über einen selbst oder über uns als Gesellschaft aussagt.

Jede:r von uns lästert gerne mal, und ich will mich da gar nicht moralisch erheben. Aber hinter dem Gossip stecken eigentlich große Fragen, und gesellschaftliche Veränderungen zeigen sich oft schon Jahre vorher in den Medien und in der Popkultur, lange bevor sie in Wahlkämpfen sichtbar werden. Mit meinem Buch wollte ich der Popkultur genau diese Ernsthaftigkeit geben, die wir anderen Kunst- und Kulturformen längst zugestehen.

Warum werden Frauen deutlich strenger bewertet als Männer?

Ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass wir sozialisiert sind, Frauen einfach nicht so viel Ambivalenz zuzugestehen. Bei Männern ist es eher akzeptiert, dass sie ein großes Ego haben oder auch mal unfreundlich sind. Bei Frauen dagegen wird erwartet, dass sie jederzeit sympathisch bleiben und sich mehr Mühe geben – der Korridor ist bei Frauen einfach enger.

Fällt Ihnen ein Beispiel ein für eine prominente Person, die Ihrer Meinung nach von der Öffentlichkeit besonders unfair behandelt wurde oder wird?

Britney Spears musste auf jeden Fall mit ins Buch, einfach weil sie ein sehr gutes Beispiel für Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft ist. Auch die Königsfamilie thematisiere ich in einem Essay. Dieses System holt Außenseiterinnen herein, um selbst authentischer, wärmer und nahbarer zu wirken – und wirft sie wieder raus, sobald sie beliebter werden als die eigentliche Königsfamilie.

Das hatten wir mit Lady Diana und auch mit Meghan Markle. Ich wollte so auch den Spiegel für uns selbst herausholen: Wie oft holen wir uns Außenseiter:innen ran, um uns zu beweisen, dass wir gute Menschen und total tolerant sind? Und sobald eine andere Perspektive kommt und uns herausfordert, heißt es: Weg mit dir.

Social Media scheint Schwarz-Weiß-Denken zu verstärken. Was macht Ihnen daran Sorgen?

Meine große Befürchtung ist, dass wir nur noch mit Menschen sprechen wollen, die so denken wie wir, und mit der Zeit verlernen zu streiten. Obwohl Streiten etwas sehr Demokratisches ist. Sich zu streiten, unterschiedliche Meinungen zu haben, ist ein großes Privileg.

Online sind wir aber schnell nur noch mit dem konfrontiert, was wir ohnehin schon mögen, weil uns vor allem das angezeigt wird, was wir vorher schon geliked haben. Wir müssen uns trauen, auch in unbequeme Gespräche zu gehen und immer wieder den Blick auf uns selbst zu richten: Was mache ich jetzt? Was sagt das über mich aus?

Kann Popkultur da auch ein gemeinsamer Nenner sein?

Ja, ich hoffe, dass Popkultur ein bisschen ein Equalizer ist. Wenn ich über einen Star und die politischen Themen dahinter spreche, habe ich zumindest die ersten 15 Sekunden meiner Videos auf Social Media alle bei mir, weil Popkultur einfach ein spannendes Thema für viele Menschen ist.

Ich stelle mir dabei oft eine sehr konservative Person vor, die zum Beispiel denkt: „Sydney Sweeney sieht halt einfach gut aus, wieso darf sie nicht in einem Werbespot sagen, dass sie gute Gene hat?“ Von diesem Standpunkt aus versuche ich, meine Videos zu konzipieren, also wie ich das jemandem erkläre, der die Themen für oberflächlich hält. Diesen Kommentar, „ist doch nicht so deep“, höre ich häufig, dabei steckt da einfach sehr viel mehr dahinter.

Was erhoffen Sie sich, dass Menschen aus Ihrem Buch mitnehmen?

Ich hoffe, dass das Buch ein bisschen wie ein trojanisches Pferd funktioniert: Vielleicht greifen auch Leute danach, die sich selbst gar nicht als politisch bezeichnen würden, und merken dann, dass doch viel mehr dahintersteckt, als sie dachten. Denn von außen wirkt das Buch zunächst leicht und unterhaltsam, man merkt gar nicht sofort, wie viel Haltung eigentlich in den Essays steckt. Man beginnt mit den persönlichen Geschichten und dem Gossip, ist gefesselt, und dann kommt der Twist.

Dabei will ich niemandem erklären, was richtig oder falsch ist, ich bin selbst noch auf der Suche danach. Aber dass sich Leser:innen zumindest gemeinsam Gedanken machen, das wäre mein Traum. Mir ist außerdem wichtig zu betonen, dass die Kulturindustrie gerade uns Fangirls braucht, um Milliarden zu verdienen, und dass es Zeit wird, uns und unsere Interessen ernst zu nehmen statt sie zu belächeln. Genau das wollte ich mit dem Buch auch erreichen.

Sie selbst erreichen hunderttausende Menschen mit Ihren Analysen. Bei welchem Star wird aus der Kulturanalystin Gizem wieder ein Fangirl?

Auf meiner Bucketlist steht, dass ich Miley Cyrus in diesem Leben unbedingt noch einmal live sehen muss. Mit Miley und Hannah Montana hat bei mir die Liebe zur Popkultur angefangen. Leider will sie nicht mehr auf Tour gehen, und ich wohne auch nicht in L.A. Wie das also klappen soll, ist eine andere Frage, aber aufgeben werde ich die Hoffnung auf jeden Fall nicht (lacht).

More than Gossip Buch
© Hersteller

Live dabei sein:

Gizem Çelik geht mit ihrem Buch „More Than Gossip“ auf Tour.

12. Oktober 2026: DE, Berlin – Peter Edel
13. Oktober 2026: DE, Hamburg – Kent Club
14. Oktober 2026: DE, Köln – Wohnzimmer
15. Oktober 2026: DE, München – Saal X

Mehr zur Autorin dieses Beitrags:

© Birgit Pichler

Tjara-Marie Boine ist Redakteurin für die Ressorts Business, Leben und Kultur. Ihr Herz schlägt für Katzen, Kaffee und Kuchen.

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