Polyamorie: Autorin Molly Roden Winter im Interview
Autorin Molly Roden Winter über ihre polyamore Beziehung
© Pixelshot
Was als offene Ehe begann, wurde für die Autorin Molly Roden Winter zu einer polyamoren Beziehung – und zu einer radikalen Auseinandersetzung mit Liebe, Mutterschaft und weiblicher Selbstbestimmung.
Molly Roden Winter lebt mit ihrem Ehemann und ihren beiden Söhnen in Brooklyn/New York City. Ihr erstes Buch „Mehr“ wurde zum sofortigen New York Times-Bestseller und, sehr zum Leidwesen ihrer Söhne, zum Stadtgespräch.
ZUM NACHLESEN:
„Mehr – Die Geschichte meiner offenen Ehe“ von Molly Roden Winter, € 21,50
ISBN: 978-3-442-30242-0, Goldmann Verlag

Mama, du und Dad … sag mal, führt ihr eine offene Ehe?“ Als diese Nachricht von ihrem Sohn auf Mollys Handy aufleuchtet, zieht sich ihr Magen zusammen. Nicht aus Schock – sondern aus dem Wissen, dass ein Moment gekommen ist, den sie lange vor sich hergeschoben hat. Ihr Liebesleben, das sie und ihr Ehemann Stewart jahrelang bewusst privat gehalten hatten, steht plötzlich im Raum – und wird unweigerlich Teil eines familiären Gesprächs. Und mit ihm eine größere Frage: Wie frei darf eine Frau eigentlich ihre Sexualität ausleben, wenn sie Mutter ist?
Wie alles begann
Molly Roden Winter und ihr Mann hatten ihre Ehe ursprünglich geöffnet, um sich sexuelle Freiheit zu erlauben. Doch aus dieser offenen Beziehung wurde über die Jahre etwas anderes: Heute leben die beiden polyamor, also in mehreren verbindlichen Liebesbeziehungen gleichzeitig, mit dem Wissen und der Zustimmung aller Beteiligten. Polyamorie bedeutet dabei keinesfalls Beliebigkeit, sondern das stetige Aushandeln von Nähe, Zeit und Vertrauen.
Zwischen Rollenbildern und dem eigenen Begehren
In ihrem Buch „Mehr – Die Geschichte meiner offenen Ehe“, das Ende Februar auf Deutsch erschienen ist, erzählt die New Yorker Autorin von allem, was zwischen Idee und Alltag liegt: von Eifersucht und Scham, von gesellschaftlichen Erwartungen und inneren Zweifeln. Vor allem aber erzählt sie davon, was passiert, wenn man als Frau beginnt, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen – und was das für sie selbst als Mutter bedeutet. Über Nähe, Begehren und die Frage, warum ein ehrlicher Umgang mit der eigenen Sexualität für viele Frauen oft noch immer als Tabu gilt.
Sie und Ihr Mann haben Ihre Ehe vor einigen Jahren geöffnet, heute leben Sie polyamor. Was hat zu dieser Entscheidung geführt?
Molly Roden Winter: Die Antwort auf diese Frage ist kompliziert. Der ursprüngliche Impuls, unsere Ehe zu öffnen, kam tatsächlich ziemlich plötzlich. Damals hatte ich zwei kleine Kinder und fühlte mich in meiner Rolle als Mutter und Ehefrau etwas gefangen. Eines Abends, als mein Mann spät von der Arbeit nach Hause kam, ging ich aus und landete in einer Bar, wo ich einen Mann traf, zu dem ich mich intensiv hingezogen fühlte.
Viele Frauen hätten in so einer Situation vielleicht eine Affäre gehabt. Aber meine Situation war anders – mein Mann hatte mir schon vor unserer Hochzeit gesagt, dass er wollte, dass ich es ihm sage, falls ich irgendwann mit jemand anderem schlafen möchte. Und genau das habe ich getan. Er ermutigte mich, dieser Anziehung nachzugehen, und von da an öffneten wir unsere Ehe. Aber selbst das macht die Geschichte eigentlich zu einfach. Genau deshalb musste ich ein Buch über die ersten zehn Jahre unserer offenen Ehe schreiben. Es gibt sehr viele Nuancen in dieser Geschichte – und auch viele Wendungen.
Sie schreiben, dass Ihre Beziehung heute stärker ist als je zuvor. Was ist das Geheimnis dieser emotionalen Stabilität – trotz oder gerade wegen der Offenheit?
Ich glaube, gerade weil unsere Ehe offen ist, kommunizieren wir sehr ehrlich miteinander. Das stärkt die Beziehung, weil wir uns selbst und einander so gut kennen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist aber auch: Trotz anderer romantischer Beziehungen entscheiden wir uns weiterhin bewusst füreinander – als Ehepartner. Es gibt ein starkes Fundament aus Vertrauen und Sicherheit zwischen uns.
Eifersucht spielte in Ihrer Geschichte eine große Rolle. Wie gehen Sie heute mit diesem Gefühl um?
Eifersucht war für mich definitiv eine große Herausforderung, und ich wollte das im Buch nicht beschönigen. Aber Eifersucht ist oft eine Maske für andere Gefühle – in meinem Fall Unsicherheit oder die Angst, nicht „so gut zu sein“ wie andere Frauen, mit denen mein Mann zusammen war. Und auch Wut, wenn ich das Gefühl hatte, dass er jemand anderem mehr Zeit schenkt als mir. Heute erlebe ich Eifersucht allerdings kaum noch. Zum einen fühle ich mich sehr sicher in mir selbst und in meiner Beziehung zu meinem Mann. Auch wenn er jemand anderen liebt, habe ich nicht das Gefühl, dass das seine Liebe zu mir schmälert. Und zum anderen sage ich meinem Mann heute ganz klar, wenn ich mehr Zeit oder Aufmerksamkeit brauche – und er gibt mir diese dann auch.
Was waren für Sie – im Vergleich zu einer monogamen Ehe – die größten Herausforderungen in Ihrer polyamoren Ehe, und wie haben Sie diese überwunden?
Neben der Eifersucht war eine weitere große Herausforderung für mich, mich meiner eigenen Scham zu stellen. Frauen – insbesondere Mütter – werden kulturell dazu erzogen, nicht „zu“ sexuell zu sein. Mehrere Sexualpartner zu haben, ist deshalb stark tabuisiert, und ich habe mich dafür zeitweise sehr geschämt. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass es viel wichtiger ist, ein authentischer Mensch zu sein, als sich in gesellschaftliche Vorgaben zu zwängen. Ich bin stolz darauf, wer ich bin und wie viele liebevolle Beziehungen ich führe. Heute empfinde ich dafür keine Scham mehr.
Ihr Sohn hat Sie mit einer direkten Frage zu Ihrer offenen Ehe konfrontiert – ein wirklich sehr sensibler Moment. Wie offen sprechen Sie heute im Alltag mit Freund:innen oder Familie über Ihre außerehelichen Beziehungen?
Meine beiden Söhne sind inzwischen junge Erwachsene Anfang 20, daher habe ich keine Angst mehr, sie mit „zu vielen“ Informationen zu beschädigen. Trotzdem finde ich Grenzen wichtig. Sie – genauso wie andere Familienmitglieder – möchten nichts über mein Sexleben wissen. Aber ich spreche sehr selbstverständlich über meine beiden langjährigen Partner (mit einem Mann bin ich seit fünf Jahren zusammen, mit dem anderen seit etwas mehr als einem Jahr), so wie ich auch offen über meine vielen Freundschaften spreche.
Mit meinem Mann Stewart teile ich intimere Details über andere Beziehungen nur dann, wenn wir das Bedürfnis danach haben – etwa weil uns etwas Neues begeistert, etwas Lustiges passiert ist oder wir uns unsicher sind, wie wir mit einer Situation umgehen sollen und Rat brauchen. Stewart ist nach wie vor mein engster Vertrauter in Beziehungsfragen.

Sie haben sehr private Entscheidungen öffentlich gemacht und darauf ganz unterschiedliche Reaktionen erhalten. Was hat Sie am meisten überrascht?
Ich war positiv überrascht davon, wie sehr sich Menschen, die mein Buch gelesen haben, mir gegenüber öffnen – selbst dann, wenn sie selbst nicht in einer offenen Beziehung leben. Wenn wir unsere verletzlichen Wahrheiten teilen, laden wir andere dazu ein, ebenfalls verletzlich zu sein. So entsteht tiefere Gemeinschaft.
Glauben Sie, dass Mütter unter einem besonderen Druck stehen, „perfekt“ zu sein – und wie wehren Sie sich gegen dieses Bild?
Ich glaube definitiv, dass Mütter unter dem Druck stehen, perfekt zu sein – und gleichzeitig glaube ich, dass es so etwas wie eine perfekte Mutter gar nicht gibt. Im Gegenteil: Wenn wir versuchen, perfekt zu sein, kann das die Kommunikation mit unseren Kindern sogar erschweren. Ähnlich wie bei der vorherigen Frage gilt auch hier: Wenn wir offen, ehrlich und verletzlich mit unseren Fehlern und Unsicherheiten umgehen, signalisieren wir unseren Kindern, dass auch sie das dürfen. So wehre ich mich gegen die Erwartung, eine perfekte Mutter sein zu müssen – indem ich ein authentischeres Leben vorlebe.
Was würden Sie jemandem raten, der spürt, dass er oder sie die Ehe öffnen möchte, aber Angst vor dem ersten Schritt hat?
Ich würde sagen: Der erste Schritt ist, ehrlich zu sich selbst zu sein und sich zu fragen, was man eigentlich will. Geht es um Aufregung? Um mehr Freiheit? Um eine bestimmte Form von Sexualität, die in der bestehenden Beziehung fehlt? Der nächste Schritt ist dann immer das Gespräch mit dem:der Partner:in. Viele Menschen sagen, das sei der schwierigste Teil. Aber wenn man nicht einmal über die eigenen Wünsche sprechen kann, wird man beim Öffnen der Ehe nicht weit kommen. Außerdem empfehle ich zwei Bücher, die bei der Orientierung helfen können: „The Ethical Slut“ von Dossie Easton und „Polysecure“ von Jessica Fern – beide sind auch auf Deutsch erhältlich.
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Mehr zur Autorin:

Tjara-Marie Boine ist Redakteurin für die Ressorts Business, Leben und Kultur. Ihr Herz schlägt für Katzen, Kaffee und Kuchen. Sie ist ein echter Bücherwurm und die erste Ansprechpartnerin im Team, wenn es um Themen wie Feminismus und Gleichberechtigung geht.
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