Schauspielerin Ursula Strauss posiert in einem roten Rollkragenpullover und roter Hose für ein modernes Porträtshooting.

Ursula Strauss: „Männer, macht die münder auf!“

Als „Orange The World“-Botschafterin setzt sich Ursula Strauss gegen Gewalt an Frauen ein. Warum die vielseitige Schauspielerin und Sängerin derzeit so präsent ist.

9 Min.

© Rafaela Pröll

Ursula Strauss ist „Orange The World“-Botschafterin: Warum die Schauspielerin und Sängerin ihre vielseitige Medienpräsenz nützt, um sich gegen Gewalt an Frauen zu engagieren, und warum sie auch sonst aktuell omnipräsent ist.

Chefinspektorin in „Tiroler Blut“, Therapeutin in „Die Falle“, Christine Nöstlinger in der Kinodoku „Sowieso und überhaupt“, künstlerische Leiterin von „Wachau in Echtzeit“ und das neue Album „nochdvegl“ – „Es ist gerade krass, stimmt’s?“, lacht Ursula Strauss, als sie meiner Liste zu Beginn des Interviews lauscht. „Aber diese Dinge passieren hintereinander, sie werden manchmal zufälligerweise innerhalb weniger Wochen veröffentlicht.“

Dass sie viel arbeitet, stimme schon, sie relativiert dennoch in der Sekunde: „Red mal mit Menschen im Pflegeberuf.“ Noch ernster wird sie, als wir auf ihre ehrenamtliche Mission zu sprechen kommen. Und so wütend, dass ihr Tränen in die Augen schießen.

Du bist Botschafterin der UN-Women-­Kampagne „Orange The ­World“. Wie geht es dir damit, wenn du wieder von Übergriffen und Femiziden hörst?

Ursula Strauss: Es wird mir körperlich schlecht, ich könnte mich übergeben. Der Kampf dauert schon lange. Die meisten Frauen wissen, wie sich Übergriffe anfühlen, und ich verstehe nicht, wie das für die Gesellschaft so uninteressant sein kann, für die die Frauen so viel schultern und unentgeltlich leisten.

Dass der Körper einer Frau noch immer als Besitz angesehen wird, dass man das Wort Feminismus nicht aussprechen darf, ohne dass sich einige angewidert wegdrehen. Ich habe die Nase voll davon – und fordere Gespräche zunehmend ein. Wenn ich damit den Leuten unangenehm bin, ist mir das wurscht. Wenn sich jemand mit mir an einen Tisch setzt, muss er auch diese Seite von mir mitnehmen.

Ursula Strauss beim Schwarz-Weiß-Fotoshooting in weißer Kleidung mit kurzen dunklen Haaren und einem strahlenden Lächeln.
© Rafaela Pröll

Was wünschst du dir von Männern?

Macht die Münder auf! Ihr habt alle mindestens eine Mutter. Wenn ihr keine Schwester und keine Frau habt, respektiert wenigstens eure Mutter. Wir können das Ruder nur rumreißen, wenn die Männer beginnen zu verstehen, was hier passiert. Bis heute ist ihnen nicht bewusst, dass wir mit einem anderen Selbstverständnis von Angst aufwachsen und lernen, vorsichtig durch die Straßen zu gehen. Ich weiß, dass auch Männer Opfer von Misshandlung und sexuellem Missbrauch werden, jedes Opfer muss gesehen werden. Aber es ist nun einmal ein Fakt, dass meistens die Opfer Frauen sind und die Täter Männer.

Ihr seid auf der Suche nach einem neuen Männerbild? – Es gibt eines: Der coole Mann ist der, der Stopp sagt, wenn übergriffige Sprüche losgelassen werden, wenn er dazwischengeht, wenn er Frauen schützt. Und: Nein, das heißt nicht, dass man nicht mehr flirten darf und die Sinnlichkeit verloren geht. Sinnlichkeit findet aber auf Augenhöhe – und in Angstfreiheit – statt.

Ich hab’ oft das Problem, dass ich beim Diskutieren zu emotional werde.

Ich werde manchmal so zornig, dass mir die Tränen kommen. Den Frauen unserer Generation wurde nicht mitgegeben, dass wir auf den Tisch hauen. Ich musste das auch lernen und tue es noch. Wir müssen ungefähr eine Million Mal auf den Tisch hauen, bis uns zugehört wird. Umso dankbarer bin ich für Frauennetzwerke – wie UN Women und die Soroptimistinnen, die hinter Orange The World stehen.

Schauspielerin Ursula Strauss posiert in einem roten Rollkragenpullover und roter Hose für ein modernes Porträtshooting.
© Rafaela Pröll

Ihr seid auf der Suche nach einem neuen Männerbild? – Der coole Mann sagt Stopp, wenn andere übergriffig werden.
Ursula Strauss, Schauspielerin

Mittlerweile werden auch in Österreich viele Gebäude im November orange beleuchtet, um daran zu erinnern, dass Gewalt an Frauen zu unterlassen ist. Die Kampagne ist in den vergangenen Jahren sehr gewachsen. Ich werde heuer in meiner Heimatgemeinde Pöchlarn (NÖ, Anm.) Texte von betroffenen Frauen lesen und auch an einer Podiumsdiskussion teilnehmen. Wir müssen Verständnis für die Wahrnehmung eines Opfers aufbauen.

Einzelne Frauen betonen bis heute öffentlich, nie Übergriffe erlebt zu haben. Meinst du, es gibt Ausnahmen?

Ich kenne nicht viele.

Wie geht es dir mit Social Media?

Es überrollt uns, macht unsere Kinder krank, Gesetze und Regulierungen kommen viel zu langsam. Wir lassen uns vom Algorithmus, von einer künstlichen Intelligenz lenken und auseinander­dividieren. Aber die Ersten fangen an auszusteigen. Ich benutze es nur beruflich; sobald jemand etwas Böses schreibt, blockiere ich ihn. Mir ist egal, wie viele Menschen mir folgen. Ich lasse mich nicht von Instagram und nicht von meinem Beruf versklaven. Wenn es nicht mehr funktioniert, finde ich etwas anderes, ich kann mit vielen anderen Dingen glücklich werden.

Ist diese Gelassenheit gewachsen oder eine Charaktereigenschaft?

Ich hatte früher mehr Erfolgsdruck. Ich darf mich heute auch nicht beschweren, mein Beruf ist sehr gut zu mir. Ich bin 52 und darf regelmäßig arbeiten – und tue es auch wahnsinnig gerne. Ich mache meine Sachen mit viel Leidenschaft und habe wirklich das Bedürfnis, mit meiner Arbeit ins Gespräch zu gehen: Ich möchte die Menschen erreichen, sie berühren und bewegen.

Meine Angstfreiheit im Umgang mit dem Leben ist durch viele Schicksalsschläge gekommen. Ich habe gelernt: Das Leben ist sehr kostbar. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist der Tod. Alles davor ist Schönheit und Kampf – und Humor (lacht).

Eben. Ich habe Angst, schöne Dinge zu verlieren. Du nicht?

Loslassen gehört dazu. Manches zu verlieren, ist auch beruhigender, sonst wird es immer anstrengender. Die Natur hat das schon so eingerichtet, wenn man das Glück eines langen Lebens hat. Das ist das Nächste: Wir sollen nicht alt werden dürfen? – Darauf pfeife ich. Mein Körper darf in Würde altern, das habe ich mir ja erarbeitet (lacht).

Findest du unsere Magazine da kontraproduktiv?

Nein, ihr schreibt gute Beiträge – und Mode- und Schönheitstipps dürfen doch sein. In Würde altern heißt ja nicht, sich zu vernachlässigen oder dass ich keinen Sinn für schöne Sachen haben darf. Mir hat schon mit 16 eine Verwandte getaugt, die sich mit 80 bunt und stylish angezogen hat. Ich hab’ mir gedacht: So will ich sein, wenn ich alt bin. Ich will nicht aufhören, mir schöne Sachen anzuziehen. Ich will mich wohlfühlen und cool finden. Mode ist nur eine Frage des Mutes, dazu kann man Frauen ermutigen. Es gibt kein Alter für Fashion und Lippenstift. Jede*r soll machen, worauf er Bock hat. Wir müssen endlich aufhören, die Oberfläche zu bewerten. Social Media fördert diese ständige Oberflächenbewertung extrem.

Ursula Strauss gemeinsam mit ihrer Interviewpartnerin bei einem Selfie vor einer roten Wand mit Filmplakaten.
Roter Kasten statt Red Carpet. Ursula Strauss sind gute Gespräche wichtiger als schillernde Events, verriet sie im Interview. © Selfie

Du schlüpfst in Alexandra Schneiders Kinodokumentation in die Rolle der großen Christine Nöstlinger. Was hat sie dir persönlich geschenkt?

Ich habe sie schon als Kind super gefunden, ihre Bücher gelesen und verstanden, dass es ihr darum ging, vermeintlich schwache Charaktere erstarken zu lassen. Was mir bis heute sehr unter die Haut geht, sind ihre Gedichte. Sie war eine Heldin: Sie hat es geschafft, die komplexesten Dinge zusammenzudampfen und sie in einfachen Worten und mit einer irrsinnigen Tiefe und Schmäh in Literatur zu fassen. Ihre Kunst kommt nicht im Mantel der Intellektualität daher. Ihre Texte sagen: Ich sehe dich, ich verstehe dich, ich nehme dich ernst – und aus Respekt vor dir und deiner Geschichte schreibe ich das jetzt so hin, dass die Leute nicht über dich, sondern mit dir lachen.

Ich mag „nochdvegl“ sehr gerne, dein drittes Album mit Ernst Molden.

Danke! Wir erleben die Konzerte auch so schön intensiv, es hat interessanterweise eine ganz starke Verbindung zum Publikum. In diesem Album geht es viel um Geister und Zwischenwelten. Der namengebende Song „Nochdvegl“ handelt davon, dass man Zeit seines Lebens herumfliegt und überall sucht, ob es noch etwas Besseres gibt. – Es wird immer genug Sachen geben, die man vermissen wird, weil man nicht alles auf dieser Welt entdecken kann. Aber was man entdeckt, ist auch die ganze Welt. Die Getriebenheit und sich ständig damit zu beschäftigen, wo man nicht dabei war, lässt einen das eigene Leben versäumen.

Was wünschst du dir?

Gesundheit, der Rest ergibt sich. Dass sich die Welt wieder einpegelt und wichtige Dinge bearbeitet werden wie das Klima. Vieles ist aus dem Lot. Die Armen werden ärmer, die Reichen reicher, politische Systeme und Demokratien wackeln. Durch die sozialen Medien haben wir verlernt, ins Gespräch zu gehen. Was wir alle dagegen tun können, ist, viel miteinander zu teilen und hoffnungsvoll zu sein.
Wir müssen uns nicht voreinander fürchten, sondern uns gegenseitig zuhören und akzeptieren. Demokratie bedeutet auch, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Meinungen haben dürfen. Solange sie einen nicht beeinträchtigen, ausschließen oder verhetzend oder hasserfüllt sind, kann man miteinander diskutieren.

Ursula Strauss in einer ausdrucksstarken Theaterszene mit einem Schauspielkollegen in düsterer Kulisse und fantasievollen Kostümen.
Geniales Facepainting. Lilli Brée verzaubert Ernst Molden und Ursula Strauss zu „nochdvegl“. © Daniela Matejschek

Ursula Strauss für Aug’ & Ohr

Gleich mit der ersten Folge wurde „Tiroler Blut“ zum Publikumserfolg: Ursula Strauss spielt in der Krimi-Reihe die Hauptrolle – Chefermittlerin Fanny Gruber ist Tochter eines Polizisten, ihr Sohn trat in dieselben Fußstapfen (ORF ON und ARD Media­thek).

Zu sehen ist sie aktuell auch in:

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